Dienstag, 28. November 2006
Unter Lehrter Dächern
Es gibt Meldungen, über die kann ich wirklich nur noch den Kopf schütteln. Da fällt mir nix mehr zu ein. Naja, ein bisschen vielleicht.
Auf den Tag genau vor einem halben Jahr ist doch in unserer supertollen immer mehr arroganten Charme versprühenden Hauptstadt der neue Hauptbahnhof eingeweiht worden. Der alte Lehrter Bahnhof ist für rund 700 Millionen Euro von der Bahn in ein kolossartiges Vorzeige-Prestige-Monstrum umgebaut worden. Dabei wäre das Geld in der Modernisierung des Schienennetzes, des Fuhrparks und anderer kleinerer Bahnhöfe sicher besser aufgehoben gewesen. Aber statt dass die Bahn das Geld in Maßnahmen investiert, die sie vom Image der ständigen Verspätung befreien, muss da so ein Glas-Beton-Klotz am Humboldthafen hochgezogen werden.
Der 28. Mai 2006 war da, der Bahnhof wurde seiner Bestimmung übergeben und alle waren glücklich. Naja, fast alle. Die Berliner waren wohl nicht sehr angetan davon, dass der Bahnhof gegen ihren Willen von „Lehrter Bahnhof“ in „Berlin Hauptbahnhof“ umbenannt wurde. Ach ja, und der Architekt natürlich. Denn die Bahn hat sich doch tatsächlich erdreistet, ein Dach nicht ganz so auszuführen wie er sich das in seinem schnuckeligen kleinen Atelier ausgedacht hatte.
Und was macht man, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt? Genau, man zieht vor Gericht. Das — genauer gesagt, das Berliner Landgericht — hat heute geurteilt: Die Bahn habe mit der eigenmächtigen Änderung der baulichen Situation die Urheberrechte des Architekten verletzt.
Strafmaß: Umbau der fraglichen Dachkonstruktion. Laut Architekt für 20 Mio. Euro zu machen, laut Bahn für weniger als 40 Mio. Euro nicht realisierbar. Nach Adam Riese wird der Umbau demnach 60 Mio. Euro kosten. Na, da sehe ich doch schon die nächste Preiserhöhung nach dem 1. Januar 2007 auf uns zu kommen.
Irgendwie sind da wohl wieder ein paar Leute versehentlich durch eine geschlossene Glastür gerannt, oder was soll der Scheiß jetzt? Urheberrecht verletzt? Geht’s noch? Dabei will uns doch Frau Zypries und ihre MAFIA™ seit Jahr und Tag Glauben machen, die killerspielenden, raubmordkopierenden Tauschbörsenkiddies wären die wahren und einzigen Urheberrechtsverletzer.
Soll das etwa heißen, dass ich Urheberrechte verletze, wenn ich einen Architekten bitte, mir mein demnächst zu bauendes Einfamilienhaus zu entwerfen und ich dann aber statt des von ihm vorgesehenen Rundbogens zwischen Esszimmer und Küche einfach die komplette Wand weg lasse? Immerhin wäre dies — nach Auffassung der Berliner Richter — eine tief greifende Verfälschung des ursprünglichen Entwurfs.
Aua. Ich glaube, dann bleibe ich lieber Mieter oder kauf mir ein Fertighaus.





