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Mittwoch, 29. November 2006

Dihydrogenmonoxid

Umfragen sind eine feine Sache. Statistiken auch. Man kennt ja die Lebensweisheit „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“. Im Grunde besagt diese Weisheit nur, dass man die Ergebnisse statistischer Erhebungen immer korrekt aber doch den eigenen Interessen entgegenkommend präsentieren kann.

Umfragen verhalten sich da ganz ähnlich. Eigentlich sind Umfragen sogar noch schöner, weil man da nicht gezwungen ist, harte Fakten auszuwerten und in eine dem eigenen Ansinnen genehme Form zu bringen, sondern man hat die direkte Möglichkeit, schon bei der Fragestellung eine Meinung zu bilden, die dann nur noch abgerufen und aufgeschrieben werden muss.

Beispiel gefällig? Stellt euch vor, ihr macht einen Einkaufsbummel und plötzlich steht ein Mensch mit Klemmbrett vor euch und stellt euch, nachdem er sich vorgestellt und erzählt hat, was er macht, folgende Frage: „Unsere Umwelt is durchsetzt von Dihydrogenmonoxid. Wo man nur hinsieht, überall findet man dieses Zeug. Selbst in Babynahrung kann es nachgewiesen werden. Jeder Mensch nimmt täglich beträchtliche Mengen davon zu sich. Sind Sie für ein Verbot von Dihydrogenmonoxid?

Mal ganz ehrlich: Was würdet ihr antworten? Okay, wenn ich schon derart auf der Lauer liegend nachfrage, werdet ihr natürlich sofort stutzig, aber mal ganz objektiv betrachtet, tendiert doch wohl jeder Nicht-Chemiker sofort dazu, ein solches Verbot zu befürworten. Und wie verhielte sich das ganze, wenn man in obiger Frage einfach nur das Wort Dihydrogenmonoxid durch Wasser ersetzte? Na klar, kein Mensch würde Wasser verbieten wollen.

Jetzt dürft ihr drei Mal raten, was Dihydrogenmonoxid für eine chemische Verbindung ist… aber die ersten beiden Male zählen nicht!

Anderes Thema… Am 23. und 24. November, also drei Tage nach dem Amoklauf des Sebastian B. in Emsdetten, der eigentlich kein Amoklauf war, hat das Forschungsinstitut Forsa im Auftrag des Stern eine Umfrage durchgeführt. Die Befragten sollten angeben, ob ihrer Meinung nach „‚Killerspiele‘, wie sie auch der Amokläufer von Emsdetten nutzte, für die zunehmende Gewalt an Schulen mitverantwortlich sind“. Ich denke, man kann sich an seinen zehn Fingern abzählen, wie das Ergebnis ausgefallen ist. Darum wiederhole ich diesen Schwachsinn hier auch nicht — der geht eh schon wieder viel zu medienwirksam durch die Presse.

Ich bin mir aber sicher: Frage anders formuliert, zeitlich anderer Zusammenhang — und schon sähe das Ergebnis komplett anders aus.

Geht doch mal in die nächste Fußgängerzone, greift euch wahllos ein paar Leute heraus, die euch über den Weg laufen und stellt ihnen folgende Frage: „Sind Sie der Meinung, dass Computerspiele, bei denen Geiseln aus der Gewalt von Terroristen befreit werden müssen, die Sozialkompetenz von Oberstufen-Schülern fördern und bei deren Aggressionsabbau mithelfen können?“ Ich wette, auch hier würden 72 Prozent der Befragten mit „Ja“ antworten. Das ist ja ein Ding…

Ich wiederhole es aber gerne noch einmal: Wann fangen die Leute (und allen voran die Medien!) endlich an, sich mit den Ursachen des Emsdettener Amoklaufs statt mit den Symptomen zu beschäftigen? Hat irgendwer von denen, die lautstark das Verbot von „Killerspielen“ fordern, eigentlich schonmal Sebastian B.s Abschiedsbrief gelesen?

Freitag, 24. November 2006

Grande Nazion

Nach einem Fußballspiel gehen rund 150 aufgebrachte Fans, zum Teil in der Welt als gewalttätig bekannt, auf die Straße und auf Fans des „gegnerischen“ Vereins los. Ein ziviler Polizeibeamter ist zufällig in der Nähe und will einschreiten. Zu dumm nur, dass seine Haut von besonders starker Pigmentierung ist (im Klartext: er ist schwarz). Die Masse geht auf ihn los, er versucht sich zu verteidigen und im allgemeinen Tohuwabohu schießt er in Notwehr auf zwei Angreifer: Der eine wird schwer verletzt, der andere stirbt.

Quizfrage: Wo ist das ganze passiert? Nein, nicht in Dresden. Leipzig auch nicht. Mit Anklam liegt man auch weit daneben. Es geht schlicht um Paris. Kennt ihr doch, dieses beschauliche Städtchen der Liebe(!) an der Seine. Hauptstadt des doch eigentlich zivilisierten Volkes der Franzosen. (Ich hab zugegebenermaßen auch nicht viele Berührungspunkte mit den Franzosen. Ich kann zwar Französisch, aber mit der Sprache hapert’s. Und Franzosen habe ich in meinem bisherigen Leben vielleicht drei kennengelernt.)

Und dort hat sich jetzt ein Ausbruch von Fremdenhass und nationalsozialistischer Gewalt ereignet. Eigentlich unvorstellbar.

Aber wenn ich ehrlich sein soll: Ich finde so etwas zwar auf der einen Seite beschämend für eine Nation wie Frankreich, vor allem wenn man zusätzlich noch die Vorstadtkriege (das waren doch schon Kriege, anders kann man die brennenden Autos in den Pariser Vororten nicht mehr nennen) berücksichtigt. Andererseits möchte ich jetzt eigentlich nicht mit dem Finger da hinüber zeigen. Und das nicht, weil Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg immer noch demütig um Gnade flehen statt das Wort erheben sollte (diese Meinung teile ich nicht), sondern weil es garantiert nicht mehr lange dauert, bis auch bei uns wieder gewalttätige Hooligans in den Schlagzeilen auftauchen.

Mittwoch, 22. November 2006

R.A.C.H.E.

Ist euch eigentlich bei der ganzen Diskussion um die so genannten First-Person-Shooter (von Politikern derzeit gerne als „Killerspiele“ tituliert) etwas aufgefallen? Noch am Anfang der Woche, als die Ereignisse noch frisch waren und das Entsetzen groß, wurden in den Medien beispielhaft kurze Auszüge aus seinem im Internet veröffentlichten Abschiedsbrief gebracht. Sehr kurze Ausschnitte, denn Sebastian B, der Amokläufer von Emsdetten, hatte viel mehr zu sagen als die beiden kurzen Sätze, die in den meisten Artikeln zitiert wurden.

Schon am Montag wollte ich mir eigentlich ein genaueres Bild machen und begab mich auf die Suche nach diesem Brief. Gefunden hatte ich nichts. Mittlerweile habe ich erfahren, dass seine Videos und der Brief wohl schon gelöscht waren. Warum?

Diese Frage stellen sich mittlerweile immer mehr. Selbst Bild.de (die Online-Ausgabe der Bild) hat in der Zwischenzeit zumindest Auszüge aus diesem Text veröffentlicht — dummerweise mit redaktionell hinzugefügten Hervorhebungen, um mal wieder Meinungen zu bilden. Eine vollständige Version habe ich mittlerweile auch gefunden. Angeblich rekonstruiert von Bekannten und/oder Verwandten, die nach der Löschaktion den Text noch in Caches diverser Suchmaschinen gefunden haben. Auch die Videos sollen bei YouTube wieder verfügbar sein.

Tut mir einen Gefallen. Lest euch seinen Brief durch. Er zeigt nämlich vor allem, dass Sebastian B. kein „hirnloser Prolet“ war. Vieles von dem, was man da liest, ist richtig. Dummerweise sind die Schlussfolgerungen, der er daraus zieht, völlig falsch — was letztlich auch seine Tat von Montag belegt. Aber man kann ein bisschen verstehen, wenn auch nicht gutheißen, wie es so weit kommen konnte.

Also bitte: Nicht einfach den Brief löschen und totschweigen, sondern lesen und darüber reden. Und vielleicht werden dann auch die Killer-Spiel-Gegner in der Diskussion wieder etwas sachlicher.

Donnerstag, 16. November 2006

Schluss mit Schluss

Nachdem Berlin vorgelegt hat, darf die andere der beiden deutschen Metropolen nicht zurückstehen: Das Ruhrgebiet — eigentlich ja sogar ganz Nordrhein-Westfalen — hat jetzt ebenfalls den Ladenschluss weitestgehend abgeschafft. Nur Sonn- und Feiertags ist weiterhin Schicht im Laden.

Wer sich von diesen Veränderungen jetzt gewaltige Umbrüche erhofft, der wird wohl arg enttäuscht sein. 24 Stunden öffnende Läden haben sich bisher nicht angekündigt, und viele der wenigen Geschäfte, die die neuen Freiheiten ausnutzen wollen, machen gerade mal zwei Stunden länger. Wird also vorerst nix mit Schuhe kaufen Nachts um drei.

Obwohl ich mir das ja so richtig vorstellen kann, zumindest als Sonderaktion: An ausgewählten Tagen wird dann regelmäßig ein Mitternachtsshoppen bis zum Morgengrauen angeboten: „Jeden ersten Freitag im Monat machen wir durch“. Na, ich lass mich mal überraschen, wann die ersten Werbeaktionen dieser Art angepriesen werden. Gerade jetzt im bevorstehenden Weihnachtsgeschäft wird so etwas garantiert nicht ausbleiben.

Und dann könnte es Nachts um vier im Supermarkt folgenden Dialog zwischen einem Kunden und dem Verkäufer geben:

Kunde: So, Sie haben jetzt auch in der Nacht geöffnet. Lohnt sich das denn überhaupt?

Verkäufer: Nunja, wenn wir länger geöffnet haben, sind da natürlich Mehrkosten, vor allem im Personalbereich.

Kunde: Ja, das kann ich mir vorstellen. Wie viel ist das denn so ungefähr?

Verkäufer: Ich hab das mal ausgerechnet. Wenn man alle Kosten zusammen- und den Umsatz gegenrechnet, dann machen wir unterm Strich pro Kunde ungefähr 10 Euro Verlust.

Kunde: Oh, das ist aber schlecht.

Verkäufer: Alles halb so wild, ich habe schon darauf reagiert. Wir öffnen das Geschäft jetzt nur noch Nachts — da kommen von denen nicht so viele.

Mittwoch, 15. November 2006

Stinkflug

Na, da habe ich ja wieder was Anrüchiges im Radio gehört. (Aber wie das so ist mit Radiobeiträgen: Erwarte man eine Zusammenfassung oder weiterführende Informationen auf den Webseiten des Sender, wäre das wohl tatsächlich zu viel verlangt. Darum also vorerst kein Link von mir, sorry.)

Jedenfalls geht es um einen Rechtsanwalt, der mit seiner Frau einen Urlaubsflug bei British Airways gebucht hatte. Ob er auf dem Weg in den Urlaub oder zurück war, habe ich nicht mitbekommen, aber das ist eigentlich auch nicht wichtig. Jedenfalls soll es sich so verhalten haben, dass der gute Mann unterwegs umsteigen musste, um sein Ziel zu erreichen. Dummerweise hat aber das BA-Bordpersonal ihn nach Beschwerde eines Mitpassagiers aufgefordert, die Maschine zu verlassen. Warum? Der Mann stank!

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Mittwoch, 8. November 2006

Der schiefe Turm von PISA

Heuer meldete sich der Physiker Joachim Wuttke zu Wort, der gegenüber der Berliner Zeitung von einem „spektakulären Scheitern“ der PISA-Studien spricht.

Ja, genau, diese kleine italienische Stadt, die berühmt ist für Dinge, die umzukippen drohen, ist mal wieder in aller Munde. Besagter Herr Wuttke hat sich nämlich die Ergebnisse der letzten PISA-Studien genauer angesehen und hat eklatante Mängel in der Auswertung festgestellt. Ich gebe jetzt hier mal nicht alles wieder. Wer mehr erfahren möchte, kann ja auf Heise Online nachlesen, dort gibt es genauere Angaben und entsprechende weiterführende Links.

Ich als Unbeteiligter beim Thema „Intelligenz“ kann jetzt nur mutmaßen, was es bedeute, wenn Deutschland bei einer korrekten Auswertung womöglich besser im Vergleich mit den anderen Ländern abgeschnitten hätte.

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Dienstag, 24. Oktober 2006

Winke-winke

Ludwig Georg Braun, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), hatte jüngst gejammert, es würden ja so viele junge Deutsche einfach ihrem Land den Rücken kehren und in andere Staaten auswandern. Stimmt. Ich kenne selbst ein paar Leute, die ich leider nicht mehr regelmäßig sehen kann, weil sie in den USA, in Großbritannien und in Neuseeland Jobs angenommen und Familien gegründet haben. Und wenn ich ehrlich bin… ich habe auch schon mit dem Gedanken gespielt.

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Montag, 23. Oktober 2006

Zwiebel-TV

In einer knappen Woche Funkstille sind doch so einige Begrifflichkeiten gefallen, die aufgearbeitet gehörten. So zum Beispiel der Begriff der „Unterschicht“.

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Dienstag, 17. Oktober 2006

Ein Volk von Lemmingen

Wenn es nicht so traurig wäre, wäre es zum Heulen. Da gab es vor eineinhalb Wochen einen neuen „Deutschlandtrend“ im Ersten. Ratet mal, welcher dort als beliebtester Politiker abgeschnitten hat… Wolfgang Schäuble. Der größte Verfassungsfeind von allen, der, wenn es darum geht, unter dem Deckmantel der allgegenwärtigen Terrorgefahr unsere freistaatliche demokratische Grundordnung die Kloake runterzuspülen, mit wehenden Fahnen vorne weg läuft. Und zwei Drittel von „uns“ finden das auch noch gut.

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Donnerstag, 28. September 2006

Ab in die Ecke?

Raucher haben’s schwer. So viele Dinge gibt es, die ihnen das Leben vergällen: Sie frönen einer Sucht, von der sie kaum los kommen, müssen alle paar Monate noch mehr Geld für ihre Zigaretten ausgeben, setzen ihre Gesundheit und eine möglichst lange Rentenbezugsdauer aufs Spiel, werden von den meisten Nichtrauchern angefeindet - wobei die meisten anfeindenden Nichtraucher früher (da war eh alles besser™) selbst Raucher waren - und jetzt sollen sie auch noch mehr und mehr aus der Öffentlichkeit verdrängt werden.

Politiker haben’s aber auch schwer. Sie müssen den schmalen Grat gehen zwischen Wahllügen einerseits und Machterhaltung um jeden Preis andererseits. Mein Mitgefühl gilt den Rauchern. Was vielleicht auch daran liegt, dass ich früher (da war eh alles besser™) selbst Raucher war, wohingegen ich noch nie Politiker gewesen bin.

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