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Dienstag, 1. Mai 2007

Gegen Terror-Ehen

Das Thema Überwachung wird immer abstruser und kaum einer merkt’s. Nach einem Bericht auf Heise Online hat das Oberverwaltungsgericht Hamburg am 25. April die Video- und GPS-Überwachung eines Ehepaares für unzulässig erklärt, die die Hamburger Ausländerbehörde anordnen ließ, um eine mögliche Schein-Ehe aufzudecken.

Das Gericht sah dabei eindeutig die Artikel 1 und 2 unseres Grundgesetzes (Allgemeines Persönlichkeitsrecht, Recht auf informationelle Selbstbestimmung (Datenschutz)) verletzt.

Merkt ihr was? Verfassungswidrige Ermittlungsmethoden, angetrieben durch den immer mehr um sich greifenden und von 70 Prozent der Bundesbürger, die ja angeblich nix zu verbergen haben*, befürworteten Überwachungswahn, der uns doch angeblich vor dem Terror dieser Welt schützen soll.

Vielleicht habe ich ja gepennt, als in der Schule im Politikunterricht erklärt wurde, warum eine nicht nachzuweisende Schein-Ehe ein Akt des Terrors sein soll. Wer weiß das schon so genau?

*) Dazu muss ich dann doch gleich wieder ein Anekdötchen erzählen, das mir vor kurzem widerfahren ist. Ich werde auch Persönlichkeitsrechte wahren und keinen Namen nennen, obwohl ich genau weiß, dass die Person, um die es hier geht, garantiert nie in dieses Blog stolpern wird – und wenn doch, wird derjenige nach dem zweiten Artikel den Browser wieder fluchtartig schließen (so viel zum Thema Zielgruppenproblematik).

Über unsere Tochter haben wir eine andere kleine Familie kennengelernt (was ja zwangsläufig so kommt) bei der ich letzte Woche wieder kurz zu Besuch war, weil meine Tochter dort länger zu Besuch war und abgeholt werden sollte. Während ich also wartete, während meine Tochter sich Schuhe und Jacke anzog, was erfahrungsgemäß schonmal dauern kann, unterhielten wir uns so über unsere Jobs und nebenher lief im Fernsehen irgend so eine Privatsender-Nachrichtensendung. Von dort schwemmten plötzlich Bilder ins Wohnzimmer mit Hundertschaften von Polizisten, die in Baden-Württemberg Straßensperren errichteten und mit der Waffe im Anschlag oder der Hand am Halfter Fahrzeugführer auf der Suche nach dem Mörder dieser bedauernswerten jungen Bereitschaftspolizistin überprüften.

Ohne zu dieser Geschichte mit dem Polizistinnenmord jetzt eine Meinung manifestieren zu wollen, ließ ich geistesabwesend eine Bemerkung über diese Übermacht von P10s fallen, woraufhin aus Richtung des Vaters der Spruch kam: „Ich hab kein Problem damit, wenn es unserer Sicherheit dient.“ Da war es, das Stichwort. Wie ein pawlowscher Reflex entwich mir dann: „Und du hast doch bestimmt auch nichts zu verbergen?“ Das war ein Fehler.

Ich durfte mir einen Fünf-Minuten-Monolog über seine untadelige Vergangenheit anhören. Ein leeres polizeiliches Führungszeugnis (hab ich auch, aber ich weiß auch, wieviel das wert ist), keine Leiche im Keller, nie Steuerhinterziehung, immer lieb und brav. Wie gesagt: Ich wollte nur meine Tochter abholen und hatte gar kein Bock auf Grundsatzdiskussionen. Ich merkte nur kurz an, dass es ja am Ende gar nicht seine Entscheidung sei, ob er was zu verbergen habe, aber das war zu tiefgründig für ihn. Ich erntete nur Staatshörigkeit par excellence. Also forcierte ich den Aufbruch und ließ das Thema auf sich beruhen.

Ich habe ihn in diesem Zusammenhang nicht auf sein DVD-Regal aufmerksam gemacht, aus dem mich schätzungsweise 90 Prozent selbstgespritzte Tinten-Cover-Rücken anblitzten. Ich bin einfach nicht schlagfertig genug. Andererseits, ich hätte schon gerne mal wieder gesehen, wie ein Gesicht weiß wird, wenn ich mit einem Wink auf dieses Regal von Schäubles Online-Durchsuchung anfange. Aber wahrscheinlich hätte er den Zusammenhang nicht einmal kapiert.

Freitag, 23. März 2007

Sex ist böse

Man darf doch über alles reden, oder? Ich meine, ich verherrliche keine Gewalt, ich verhetze kein Volk, ich diskriminiere keine Randgruppen. Ich rede nur von Gott-gegebenen Dingen, wenn ich erzähle, was es mit Sex so auf sich hat.

Uhh, da war es wieder, das böse Wort. Sex. Schauder. Ich muss ja echt pervers sein. Kommt mir zumindest so vor, wenn ich mal wieder die drei an Häusewände verstohlen gekritzelten Buchstaben „S“, „E“ und „X“ entdecke. Als sähe der (meist minderjährige) „Täter“ schon den Gedanken daran als etwas Unmoralisches, wenn nicht gar Illegales, an. Woher er das nur hat?

In Münster findet bis morgen eine Tagung zum Thema „Sexueller Missbrauch Jugendlicher“ statt, und Heise berichtet darüber, unter anderem, weil die Diskussion mal wieder nicht an neuen Medien wie dem Internet vorbeikommt:

Für die Kinderärztin Cooper hat unter anderem die Allgegenwärtigkeit von Sex in der Werbung und in den Medien Schuld daran. „Sex wird normalisiert, es ist eine neue Form des Exhibitionismus“, kritisiert sie.

Sex wird normalisiert? Hat die Frau sie noch alle? Na, da wundern mich die Schmierereien im öffentlichen Raum kaum noch, wenn mit Kindern über dieses Thema nicht „normal“ gesprochen
werden darf.

Können wir den Kindern nicht einfach mal erzählen, was los ist? Muss das immer erst aus der Schmuddelecke herausgeholt werden? Nur solche Kinder, die selbstbewusst über ihren Körper und ihre Sexualität reden können, sind in der Lage, sich gegen Bedrohungen durch „Böse Männer“™ aus dem Internet oder den „Lieben Onkel“ aus der Verwandtschaft zur Wehr zu setzen.

Andererseits… ich sehe das schon wieder vor meinem geistigen Auge, wie meine Tochter mit selbstbewusster sexueller Grundhaltung wie selbstverständlich über ihre und Sexualität im Allgemeinen spricht und dann von ihrer kurz vor der Pensionierung stehenden Klassenlehrerin im besten Fall nur schief angeguckt, wahrscheinlich aber im Geiste in die Schmuddelecke abgeschoben wird, wo sie dann nicht mehr rauskommt, bis sie am Ende des vierten Schuljahrs mit einer (ungerechtfertigten) „Empfehlung“ für die Hauptschule endlich aus ihrem Dunstkreis entfliehen kann — nur um dann beim nächsten Möchtegern-Pädagogen anzuecken.

Dienstag, 20. März 2007

Sprechen Sie Dschörmen?

Gestern hab ich in einem voll abgespaceten Meeting gecheckt, dass Chatting unter Deutschen nicht mehr wirklich in der native language stattfindet. Shit happens. Wir haben aber sofort einen outgesourcten Manager auf die Sache angesetzt, der jetzt mit geballter Man-Power dem ganzen Case auf den Grund gehen soll.

Scherz beiseite. Ich hab’s wirklich versucht, das ganze zu überspitzen. Es ist mir nicht gelungen. Ich hab schon an so mancher Besprechung teilgenommen. Wenn in so einem Meeting nur die nicht-deutschen Wörter Beamer und Roll-Out fielen, war das eine kleine Sensation. Meistens wird man mit englischen Begriffen nur so zugeschüttet.

Das geht sogar so weit, dass das Englische neben dem Beruf auch unser Alltagsleben zunehmend seiner Knute unterwirft. Besonders deutlich wird das bei Werbebotschaften. („Douglas – komm rein und finde wieder raus.“) oder Produktbezeichnungen und -beschreibungen überhaupt. Wenn einer behaupten will, dass alle Mitglieder der entsprechenden Zielgruppe auf Anhieb wissen, worum es sich bei „Pantehn Prowih Her Kehr Ripehr“ handelt, dann halte ich denjenigen für einen dreisten Lügner.

Aber was wäre diese schnöde Welt ohne einen Retter in der Not? Wozu haben wir denn unsere tolle Regierung gewählt? Wenn sie schon unsere Bürgerrechte für mehr vermeintliche Sicherheit beschneiden will, soll sie auch was für unsere Sprache tun. Und schon gibt’s in der Union eine Arbeitsgruppe, die sich den Kampf gegen das Denglische in unserer Muttersprache auf die Fahnen geschrieben hat und eine Rückbesinnung auf die „Schatzkiste der deutschen Sprache“ fordert.

Fehlt nur noch, dass demnächst nach Mörderspielen, Rauchen in der Öffentlichkeit, herkömmlichen Glühlampen, Hacker-Tools (pardon, -Werkzeugen) wie z.B. Antiviren- oder Antitrojaner-Software, dem Besitz von Bombenbauanleitungen und MP3-Dateien ohne DRM auch noch die Verwendung englischer Wörter in deutschen Texten verboten wird.

Dann bräuchten eine Menge Deutsche demnächst für das Verfassen ihrer Texte ein „German 2 Deutsch After Beat Factory“.

Donnerstag, 22. Februar 2007

Alles Birne, oder was?

Ganz Deutschland diskutiert – wenn man den Medien Glauben schenken möchte – über den Vorschlag, wie in Australien die Verwendung herkömmlicher Glühbirnen zu verbieten und die ausschließliche Verwendung von so genannten Energiesparlampen zu forcieren.

Die Befürworter, allen voran der baden-württembergische SPD-Politiker Hermann Scheer, argumentieren damit, dass eine Komplettumstellung von Glühfaden auf Leuchtstoff den privaten Jahres-Energiebedarf um sechs Prozent senken würde, wodurch man laut Scheer ein bis zwei Atomkraftwerke einsparen könne. Doch die Partei, vor allem die Bundesregierung, wiegelt ab. Ein Glühbirnen-Verbot sei nicht durchzusetzen, da es insbesondere auch gegen EU-Recht verstieße. Scheer hält mit Unverständnis dagegen und behauptet, Energiesparlampen hätten nur noch zehn Prozent des Stromverbrauchs herkömmlicher Glühbirnen. (Was jedoch falsch ist, es sind zwanzig Prozent, aber das klingt Herrn Scheer vielleicht nicht dramatisch genug.)

Auch ich sehe jedoch erst einmal nicht viel Schlechtes darin, eine Glühlampe dort gegen eine Kompaktleuchtstofflampe auszutauschen, wo es möglich ist. In unserem Haushalt wird das schon weitestgehend praktiziert. In so gut wie jedem Raum wird das Licht bei uns ausschließlich von Energiesparlampen (oder Leuchtstoffröhren wie im Badezimmer-Spiegelschrank oder im Arbeitszimmer) gespendet – bis auf wenige Ausnahmen: Im Wohnzimmer haben wir einen Deckenfluter und Halogenstrahler, in einem der Kinderzimmer waren schon bei Einzug ebenfalls Halogenstrahler in die Decke eingelassen, die wir übernommen haben, und in der Kammer wartet eine Standleuchte mit zwei 25-Watt-Birnen auf besondere und kurzfristige Einsatzmöglichkeiten. Selbst die Haustürbeleuchtung habe ich – obwohl wir eigentlich nur zur Miete wohnen – auf eigene Kosten gegen ein Energiesparmodell ausgewechselt. Mir war halt danach.

Trotzdem bin ich gegen ein solches Verbot. Warum? Es gibt einfach Einsatzfälle, da kann man auf den klassischen Glühfaden nicht grundsätzlich verzichten. Zumindest nicht, bis nicht die jeweilige Gerätegeneration komplett veraltet und ausnahmslos(!) durch moderne, noch zu konstruierende Geräte ersetzt wurden. Ich rede zum Beispiel von Kühlschränken. Oder beleuchteten Vitrinenschränken. Hier sind teilweise durch die Bauart bedingt derartige Lampenformen zwingend, die keine Energiesparlampe auch nur näherungsweise erreichen könnte. Ersatz könnten vielleicht LED-Lampen schaffen, aber dafür müssten wohl viele Geräte oder Schränke umgerüstet werden – sofern das überhaupt möglich ist. Und sofern das überhaupt sinnvoll erscheint. Bei einer 10-Watt-Funzel, die immer nur dann Strom verbraucht, wenn ich die Kühlschranktür öffne, sehe ich kein Atomkraftwerke überflüssig machendes Einsparpotential. Ehrlich nicht.

Zudem haben Kompaktleuchtstofflampen auch ein paar Nachteile, Wikipedia zählt mindestens drei auf, die vor allem in speziellen Einsatzbereichen eine Energiesparlampe durchaus disqualifizieren:

  • temperaturabhängige Helligkeit: Erst nach einer ein bis zwei Minuten dauernden Aufheizphase entfalten sie ihre volle Helligkeit, bis dahin sind sie deutlich dunkler.
  • längere Einschaltzeit: Moderne hochwertige Lampen erreichen eine höhere Schaltfestigkeit auf Kosten einer verzögerten Einschaltzeit zwischen 0,1 und zwei Sekunden.
  • Energiesparlampen und Dimmer vertragen sich nicht: Es gibt nur wenige, teure Modelle, die sich dimmen lassen. Es gibt aber auch Lampen, die sich durch schnelle Ein-/Ausschaltfolgen auf eine bestimmte Helligkeit einstellen lassen.

Auf Tagesschau.de gibt es denn auch gleich passend zur Meldung eine (nicht-repräsentative) Umfrage unter den Webseiten-Besuchern: Nach aktuellem Stand fänden 68,8 Prozent aller Teilnehmer ein solches Glühbirnen-Verbot gut, 5,6 Prozent seien unentschieden. Somit gehöre ich zu den 25,6 Prozent, die so einen Quatsch in Form einer weiteren Gängelung des mündigen Bürgers nicht brauchen und auch nicht wollen.

Und an die 68,8 Prozent der Umfrage-Teilnehmer kann ich dann abschließend nur noch meine Frage richten: Wenn ihr das doch alle so toll findet, warum habt ihr euren Haushalt nicht auch schon weitgehend auf Energiesparlampen umgestellt? Oder, noch einen Schritt weiter gedacht: Sollten diese ganzen 68,8 Prozent tatsächlich schon selbst ausschließlich Energiesparlampen einsetzen und an so einem Gesetz gut finden, dass auch der andere Teil der Bevölkerung zu derartigen Umstellungsmaßnahmen gezwungen würde, hielte ich die geschätzten Angaben zum Energie-Einspar-Potenzial für um das mindestens 3-fache überzogen – denn dann würden ja nur noch gut 30 statt 100 Prozent der Deutschen ihren Energiebedarf für Beleuchtung um 80 (nicht 90, Herr Scheer!) Prozent reduzieren.

Montag, 15. Januar 2007

Pinguine erlaubt

Wenn in diesem Land der Winter einfach nicht Winter sein will, dann hat Bayern ein Problem, ist es doch auf den Wintersport und den damit verbundenen Tourismus angewiesen. Aber dieses Jahr ist das anders. Die einen sagen, wir haben immer noch Herbst, andere sagen bereits, wir hätten schon Frühling. Jedenfalls hat der Winter dieses Jahr irgendwie verpennt. Und selbst die Ballerei an Silvester hat ihn anscheinend kein bisschen wach rütteln können.

Also brauchen die Bayern anderweitig Beschäftigung. Die CSU-Basis probt den Aufstand und rebelliert gegen Stoiber, welcher selbst kaum zwei ganze Sätze fehlerfrei hintereinander aufgesagt bekommt (und sowas wird mit absoluter Mehrheit auf den Landesthron gewählt!). Und in den Gerichtssälen, insbesondere am bayerischen Verfassungsgerichtshof, fällen die Richter mal wieder vor lauter Langeweile ein paar Urteile.

Heute war eine Entscheidung zum umstrittenen Kopftuchverbot fällig. Das Gericht sollte entscheiden, ob das Verbot für muslimische Lehrerinnen, im Unterricht Kopftücher zu tragen, verfassungswidrig sei. Im Kern ging es um einen Absatz im Bayerischen Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen, der da lautet:

(2) 1 Die Lehrkräfte haben den in Art. 1 und 2 niedergelegten Bildungs- und Erziehungsauftrag sowie die Lehrpläne und Richtlinien für den Unterricht und die Erziehung zu beachten. 2 Sie müssen die verfassungsrechtlichen Grundwerte glaubhaft vermitteln. 3 Äußere Symbole und Kleidungsstücke, die eine religiöse oder weltanschauliche Überzeugung ausdrücken, dürfen von Lehrkräften im Unterricht nicht getragen werden, sofern die Symbole oder Kleidungsstücke bei den Schülerinnen und Schülern oder den Eltern auch als Ausdruck einer Haltung verstanden werden können, die mit den verfassungsrechtlichen Grundwerten und Bildungszielen der Verfassung einschließlich den christlich-abendländischen Bildungs- und Kulturwerten nicht vereinbar ist. 4 Art. 84 Abs. 2 bleibt unberührt. 5 Für Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst können im Einzelfall Ausnahmen von der Bestimmung des Satzes 3 zugelassen werden.

Der Bayerische Verfassungsgerichtshof hat die Klage der „Islamischen Religionsgemeinschaft e.V.“ heute als unbegründet abgewiesen.

Im Grunde wird diese Entscheidung damit begründet, dass die Bayerische Verfassung nunmal vorsieht, dass die lieben Kinderchen der Bayerischen Staatsbürger auch alle brav mit christlichen Werten erzogen werden. Von daher widerspricht das beanstandete Gesetz nicht der Verfassung und alles andere, z.B. die Entscheidung, welche religiösen Symbole nun eigentlich zu beanstanden wären (von „Kopftüchern“ wird ja direkt gar nicht gesprochen), sei gar nicht Sache des Verfassungsgerichts, sondern die der Fachgerichte. Thema gegessen, Mittagspause gerettet, aus.

Und ich verstehe es nicht. Ich dachte bisher eigentlich immer, dass Religionsfreiheit auch so etwas wie das Tragen eines Kopftuches mit einschließe. Und vor der Verfassung sind alle Menschen gleich. Aber manche sind eben gleicher als gleich, und darum darf so ein christlicher Pinguin problemlos vor eine Klasse mit 30 Prozent Kindern muslimischen Glaubens unterrichten, während einer Muslim-Lehrerin das Tragen eines Kopftuchs im Unterricht verboten wird.

Wie sieht das eigentlich mit Juden aus? Dürfen jüdische Lehrer während des Unterrichts eine Kippa tragen? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Wenn man den obigen Absatz streng auslegt, dürfte kein Lehrer außer einem christlichen ein religiöses Symbol im Unterricht tragen. Aber kann man es sich denn erlauben, auch bei Juden derart streng auf diesem Gesetz zu beharren? Oder hat man nicht doch eher Angst vor negativen Reaktionen der Judenverbände?

Ich sage es ganz klar, und ich bin mir im Klaren, dass ich damit eher nicht die Meinung der Mehrheit des Volkes teile: Ich habe weder etwas gegen Kopftuch-tragende Lehrerinnen, noch gegen Kippa-tragende Lehrer, geschweige denn etwas gegen eine Lehrerin mit einem Schleier, der sie wie ein Pinguin aussehen lässt.

Denn ich sehe das eigentlich so wie die Klägerin in dem heute entschiedenen Fall: Wenn die Lehrerin meiner Kinder ein Kopftuch trägt, heißt das doch noch lange nicht, dass sie dadurch automatisch nach islamistischen Werten erzogen oder gar zu bombenlegenden Terroristen erzogen würden. Viele Gespräche mit Eltern aus Kindergarten oder Schule meiner Kinder haben leider gezeigt, dass die Toleranz gegnüber anderen Religionen in unserer Gesellschaft scheinbar doch noch nicht so weit ist, wie ich es bis dato immer angenommen hatte.

Aber vielleicht wird’s ja bald endlich Frühling…

Donnerstag, 4. Januar 2007

Phishers Fritz phisht dumme Bauern

Nenene… Was musste ich da kürzlich in einem schon Mitte letzten Monats erschienenen Artikel lesen?

Jeder zwölfte Bundesbürger ist bereits Opfer von Phishing-Attacken geworden.

Phishing… Das ist, wenn man eine E-Mail bekommt, die einem in meistenfalls (teilweise aber auch nicht) grottenschlechtem Deutsch aufträgt, einen Link zu klicken, der einen angeblich zur Loginseite der eigenen Bank führt, wo man dann unbedingt alle Konto-Zugangsdaten und ein paar der zur Absicherung von Transaktionen notwendigen TANs eingeben soll.

Man will mir also weismachen, dass wirklich schon jeder zwölfte Bundesbürger nicht einfach nur so eine Dumm-Mail bekommen hat, sondern auch schon tatsächlich Opfer eines solchen „Angriffs“ wurde, sprich durch die gutgläubige Angabe von vertraulichen Kontodaten auf der vermeintlichen Seite der eigenen Bank, die man durch einen Link in einer aus obskurer Quelle stammenden E-Mail erreichte, Geld verloren hat?

Das ist starker Tobak. Ich habe dem Volk ja viel Dummheit zugetraut, aber das schlägt alles bisher von mir Angenommene. Jeder zwölfte… das heißt, mindestens acht Komma drei Prozent der Bürger (und das ist eine optimistische Angabe, schließlich hat nicht jeder einen PC, geschweige denn einen Internetzugang, geschweige denn nutzt er Online-Banking) sind so doof, dass sie noch nicht einmal in Milch schwimmen…

Dann wundert es mich ehrlich gesagt, dass die Rechten bei Wahlen nur vier Komma drei acht Prozent erreichen.

Samstag, 30. Dezember 2006

Gibt’s hier was umsonst?

Passend zum letzten Tag vor der Mehrwertsteuererhöhung begegnete ich mal wieder einem dieser ultradoofen Sprüche, die man immer dann hört, wenn man sie am ehesten erwartet.

Heute war angesichts zweier aufeinander folgender Sonn- und/oder Feiertage mal wieder – nachdem schon letzte Woche der Notstand ausgebrochen schien – Chaos in den Innenstädten und Einkaufszentren. Viele wollen zudem vor der Erhöhung der Mehrwertsteuer und der gesetzlich erzwungenen und den Preis zwangsläufig zusätzlich erhöhenden Beimischung von Biosprit noch einmal die Karre volltanken.

So kam es also, dass ich heute in der Schlange beim Lidl – anders als üblich waren tatsächlich alle vier Kassen besetzt und prall gefüllt – hinter mir die berüchtigten Worte vernahm: „Gibt’s hier was umsonst? Hi hi!“ Ja, wahnsinnig witzig.

Das letzte Mal hörte ich einen ähnlichen Spruch vor wenigen Jahren an einem letzten Tag unserer Cranger Kirmes, als nach dem Abschlussfeuerwerk die ganzen Menschenmassen von den bekannten besten Aussichtsplätzen sich wieder auf dem gesamten Platz verteilend durch enge Haarnadelkurven schlängelten, von einem Spaßvogel, der uns dabei entgegen kam: „Da muss irgendwo ein Nest sein.“

Das eigentlich Schlimme daran ist nur, dass ich diese blöden Sprüche letzterdings auch schon benutze. Ich möchte glaube ich gar nicht wissen, bei wie vielen Leuten ich damit schon ein „Nicht schon wieder so‘n Spruch!“ durchs Oberstübchen gejagt habe…

Ach ja, falls ich es vergessen sollte: Guten Rutsch ins Neue Jahr! Aber rutscht nicht dabei aus! Höhö…

Dienstag, 19. Dezember 2006

Polizei, Feuer, Frust

Dezember 2006. Man schlendert gemütlich mit Kind und Kegel über den Weihnachtsmarkt. Kind quengelt, will was Süßes, Papa kauft einen kandierten Apfel und will bezahlen. Er greift in seine Tasche und – oh Schreck! Die Brieftasche ist nicht da! Verloren oder wahrscheinlich sogar gestohlen.

Nachdem der erste Schock sich gelegt hat, geht das Nachgrübeln los, was denn jetzt alles für wichtige Dinge – vom schnöden Bargeld mal abgesehen – da drin waren. Da wäre zunächst mal die EC-Karte der Hausbank, ein oder zwei Kreditkarten. Dann ist da noch die Kundenkarte zum Rabattpunkte-Sammeln. Vielleicht gibt’s mittlerweile sogar Handys, die so flach sind, dass sie in eine Brieftasche passen – so eins wäre dann auch weg. Naja, und so weiter. Die meisten Menschen schleppen in ihrer Brief- oder Handtasche praktisch ihre gesamte Identität mit sich herum. Kommt so ein Ding dann mal abhanden, geht der Ärger erstmal richtig los. Jede Karte, die möglicherweise zur Inanspruchnahme geldlicher Dienste berechtigt, muss für die weitere Benutzung gesperrt werden, von der Wiederbeschaffung mal abgesehen.

Vor knapp drei Jahren sind ein paar intelligente Menschen auf eine tolle Idee gekommen. Das heißt, vielleicht hatten sie die Idee sogar schon viel früher, aber wirklich öffentlich ins Gespräch gekommen ist sie erst 2004. Es sollte eine zentrale bundesweit gültige Telefonnummer geben, die man in genau diesem Notfall anrufen können soll. Man gibt dort an, welche wichtigen Karten einem abhanden gekommen sind, und dort wird dann eine zentrale Sperrung aller entsprechenden Karten vorgenommen.

Und wie das so ist bei Notfällen, sollte eine entsprechende Nummer auch eine Notrufnummer sein. Analog zu 110 für die Polizei oder 112 für Feuerwehr bzw. Rettungsdienst wäre z.B. die 116 für Kartensperrung in sinnvolle Frage gekommen. Eine Notrufnummer für Notfälle. Praktisch.

Seit gestern geistert ein neuer Vorstoß durch die Presse. Angeblich auf Veranlassung unserer Bundeskanzlerin soll es demnächst (damit ist der Zeitraum der nächsten zwei bis drei Jahre gemeint) eine neue Notrufnummer geben. Eins-Eins-Fünf. Ganz einfach zu merken. Dort kann dann jeder rund um die Uhr anrufen, dem seine Brieftasche gestohlen… äh… Moment mal…

Ach ne. Das ist ja was anderes. Die 115 ist vorgesehen für frustrierte Nachbarn, genervte Autofahrer, verärgerte Passanten, angeekelte Benutzer öffentlicher Toiletten und kinderhassende Rentner in der Nachbarschaft. New York hat sowas auch schon. Na toll, sag ich da nur. Was für ein Vorbild.

„Behörden-Notruf“ nennt sich das ganze dann. Ziel sei es, jedem Anrufer das Blättern im Behörden-Telefonbuch zu ersparen und in Sekunden mit einem Mitarbeiter zu verbinden, der alle nötigen Auskünfte bereit hält.

Na, dann brauche ich ja nur noch zu warten, bis die Nummer endlich geschaltet ist, und dann kann ich sofort dort anrufen und mich über diesen Humbug beschweren. Manche Stadt bietet bereits besondern Bürgerservice im Rahmen von Bürgertelefonen oder gar Bürgerbüros an. Dortmund und Mülheim (Ruhr) werden z.B. schon heute im Dunstkreis dieser Thematik in meiner Tageszeitung genannt. Selbst meine Stadt bietet einen ähnlichen Service. Zugegeben, nur während der Geschäftszeiten, also keineswegs rund um die Uhr. Aber über den Nachbarshund, der immer in unsere Einfahrt kackt, kann ich mich auch tagsüber beschweren, das muss ich nichts nachts um halb Vier machen, wenn ich vor lauter Behörden-Alpträumen mal wieder aus dem Bett gefallen bin.

Für diesen Schwachsinn ist eine dreistellige und somit besonders bevorzugte bundeseinheitliche Rufnummer problemlos schaltbar? Für eine Sache, die in meinen Augen mit wirklichen Notfällen nun wirklich nichts am Hut hat. Oder was fallen euch für Notfälle ein, die in diese Kategorie fielen? Der Nachbar feiert zu lang und ausgiebig, und das regelmäßig mehrmals die Woche? Das ist wohl eher ein Fall für die Polizei wegen nächtlicher Ruhestörung. Ach, man muss irgendwo melden können, wenn man denkt, das Lokal, in dem man zuletzt gegessen hat, verarbeite Gammelfleisch? Was ist dann so schwer daran, die Rufnummer des örtlichen Ordnungsamtes heraus zu suchen? Einen wirklichen Notfall kann ich hier aber nicht erkennen. Ich sehe keinen Fall, für den man eine schnell zu erinnernde und schnell zu wählende einheitliche Nummer braucht. Was immer nicht in den Machtbereich der Polizei fällt, sondern eher mit dem Ordnungsamt der Stadt oder des Landkreises zu tun hat, hat auch ein paar Minuten länger Zeit, mitgeteilt zu werden. Oder nicht?

Damit komme ich nun auf den Papa auf dem Weihnachtsmarkt zurück, der immer noch verzweifelt versucht, sich daran zu erinnern, welche Nummer er denn nun noch mal anrufen musste, um seine Kreditkarte sperren zu lassen. („Die fing mit 069 an, so viel weiß ich noch…“) Denn als es vor gut zwei Jahren darum ging, für einen derartigen Karten-Sperr-Service eine bundeseinheitliche Notrufnummer festzulegen, da war man nicht in der Lage, eine mit Eins-Eins beginnende dreistellige Nummer dafür freizugeben.

116 war für einen derartigen Service vorgesehen. Aus irgendwelchen fadenscheinigen, vorgeschobenen Gründen wurde nichts daraus. Die Regulierungsbehörde hat stattdessen die Nummer „116 116“ dafür freigegeben. Und an diese Nummer erinnerte ich mich, zugegebenermaßen, auch erst wieder, als ich vorhin den verlinkten Artikel auf heise.de für diesen Beitrag herausgesucht und die Nummer darin gelesen habe.

Tja, dann kann der Papa von dem Weihnachtsmarkt ja demnächst den Behörden-Notruf wählen und dort seinen Frust darüber ablassen, dass jemand innerhalb kürzester Zeit sein Konto leer geräumt hat, weil er erst eine halbe Stunde später von zu Hause aus die entsprechenden Kartensperrungen vornehmen lassen konnte. Aber da war die Kreditkarte schon längst bis zum Limit leer gefegt.

Update: Wie ich gerade im Nachhinein gelesen habe, war die Nummer 115 sogar schon einmal als einheitliche Notfallnummer in Benutzung. Und zwar handelte es sich dabei um eine Rufnummer für den Notarzt – in der ehemaligen DDR. Umso ungeschickter, diese Nummer jetzt für diesen Behörden-Frust-Schwachsinn wieder zu beleben.

Sonntag, 17. Dezember 2006

Meine erste Auszeichnung

Ihr haltet es nicht für möglich. Da habe ich es nach 37 Jahren erbärmlicher Existenz auf diesem Planeten doch tatsächlich geschafft, den Titel „Person des Jahres“ verliehen zu bekommen. Und das nicht einfach von irgendeinem Hanswurst, der irgendwo in Oberammergau bei Tante Resi im Keller zur Untermiete wohnt. Nein, das berühmte New Yorker „Time Magazine“ hat mir diesen Titel verliehen.

Hmm, da muss ich mir wohl noch eine schöne Dankesrede einfallen lassen. Mal sehen. Also, ich danke meiner Mama und meinem Papa, dass sie mich in diese Welt gesetzt und (fast) immer gut behütet haben. Ich danke meiner Oma für ihre Nudel-Milch-Suppe, die ich bis heute nicht nachgebaut bekommen habe. Ich danke meiner anderen Oma für die vielen tollen Stunden beim Weihnachtsplätzchen-Backen. Ich danke meinem Opa für die Märklin-Digital-Grundausstattung, die ich mangels passender Loks nie in Betrieb genommen habe und die jetzt noch im Keller verrottet. Ich danke meinem anderen Opa für die vielen Wege zur Bude „umme Ecke“. („Hier, 2 Mark, hol mal ne Schachtel HB.“) Vor allem aber danke ich meiner lieben Frau und meinen drei Kindern, die mich so manches Mal von meinem PC und somit vom Internet wegzerren mussten, dem ich ja diesen ach so tollen Preis verdanke. Vielen Dank!

Naja, ich muss es ja zugeben: Ich bin wohl nicht der einzige, obwohl das „YOU“, das da groß auf der Titelseite und auf der „Time“-Webseite prangt, irgendwie so gar nicht nach Plural aussehen will. Aber vielleicht bilde ich mir das ja auch nur ein. Ist halt blöd, wenn in einer Sprache so ein Pronomen im Singular wie im Plural heißt.

Na gut, dann sind da wohl noch ein paar weitere Knilche, die ebenfalls diesen Preis gewonnen haben. Ist er deshalb weniger wert? Immerhin habe ich ja trotzdem seit über zehn Jahren aktiv an der Gestaltung des Internet mitgewirkt. (Schließlich soll das ja der Grund für den Preis „Person of the Year“ sein.) Ja, okay, ich habe erst vor drei Monaten mit meinem Blog angefangen, da waren andere viel viel früher dran und haben auch schon eine viel größere Leserschaft, da purzeln die Kommentare nur so in die Beiträge rein, während bei mir – bis auf eine Ausnahme – bisher Ebbe ist. Wird vielleicht noch. Jetzt, da ich doch Preisträger bin!

Aber, wenn ich mir das recht überlege… Ich glaube, ich lehne den Preis doch lieber ab. Warum? Hey, alle Menschen, die innerhalb der letzten 12 Monate im Internet waren und irgendwas damit zu schaffen haben, haben neben mir diesen Preis ebenfalls verliehen bekommen. Also auch die einschlägig bekannten Anwälte, die hierzulande Hinz und Kunz mit Abmahnwellen überrollen. Also auch die Politiker, die auch noch Dinge für und über das Internet erfinden oder in Gesetze pressen wollen, von denen sie nicht den blassesten Schimmer haben. Also auch die Pappnasen, die sich einen feuchten Kehricht um Medienkompetenz und Sicherheit im Netz scheren, und deren Rechner mittlerweile unwissentlich Mitglied in mindestens 17 Botnetzen sind, die tagtäglich dazu genutzt werden, uns „Preisträger“ mit Penisverlängerungs-, Viagrabeschaffungs-, Geldgewinnungs- und Hohlbirnenvergrößerungs-Mails zu bombardieren. (Ich hab grad mal nachgesehen: Ich hatte heute den Tag über 621 Spam-Mails in meinem Postfach, und seit ich mit dem Schreiben dieses Beitrag begonnen habe, sind 22 weitere dazu gekommen, 43 davon sind leider wieder durch meinen Spam-Filter gerutscht.)

Ich soll also mit diesen Torfnasen zusammen einen Preis verliehen bekommen? Nein danke. Dann verzichte ich lieber.

Dienstag, 5. Dezember 2006

Gegrilltes Hirn

Es war einmal (neue deutsche Rechtschreibung: ein Mal?) vor langer, langer Zeit, da kannte man das Wort „Strahlen“ nur im Zusammenhang mit der Sonne, vielleicht noch dem Mond. Na gut, vielleicht auch noch Erdstrahlen — aber das war selbst für damalige Verhältnisse sicherlich schon jenseits jeglicher vernunftbegabter Esoterik.

Knapp vor der Mitte des letzten Jahrhunderts bekam der Strahlen-Begriff einen neuen martialischen Unterton. Spätestens mit der Erfindung der Atombombe scheint sich in den Köpfen der Menschheit festgebrannt zu haben: „Strahlen sind böse™!“ Viele Jahre später, genauer gesagt: so ungefähr im August 2006, erreicht die Geschichte einen ihrer vielen vorläufigen Höhepunkte.

Über die Grenzen ihres 20-Seelen-Dorfes Oberammergau hinaus, eigentlich nur wegen seiner Passionsspiele auch Nicht-Waldschraten bekannt, machen nun ein paar seiner Einwohner von sich reden, allen voran ein fragwürdiger Diplom-Ingenieur mit dem passenden Namen Funk und ein evangelischer Ober-Inquisitor namens Häublein. (Nicht nur) Besagten Herren liegt nämlich ein Mast auf der Leber, der von T-Mobile vornehmlich für die Mobilfunktechnische Versorgung des Kaffs dort errichtet wurde.

Naja, und wie das halt so ist, wenn man irgendwo so einen Mobilfunkmast hinstellt: Spätestens nach fünf Minuten rennen die ersten Heulbojen zum Arzt und klagen über Beschwerden, die von den bösen, bösen Handystrahlen kommen müssen. (Dabei gab es anscheinend schon ausreichend Fälle, in denen der Mast erst in Betrieb genommen wurde, nachdem sich schon vier Wochen lang die Anwohner über alle möglichen Zipperlein beschwert hatten, die ja nur von den „Funkstrahlen“ her rühren können.)

Oberammergau ist da nicht anders. Äh… falsch… Oberammergau ist anders. Denn dort nimmt das ganze mittlerweile groteske Formen an. Der Mast dort steht nicht erst seit August da. Aber T-Mobile hat den Fehler gemacht und öffentlich erklärt, dass es an der Technik des Senders etwas ändern möchte — was dann Mitte August wohl auch geschah. Seitdem klagen viele Oberammergauer über Beschwerden:

extreme Schlafstörungen, Herzrasen, Blutdruckanstieg, Kopfschmerzen, Vibrieren, Zittern, Schwitzen, Brennen, Orientierungslosigkeit, Denkunfähigkeit, Erschöpfung, Hörverlust, Ohrendruck, Augenentzündungen, Nervenschmerzen u.a.

Denkunfähigkeit vor allen Dingen. Anders kann man sich diesen Unsinn nicht erklären, der in einer Pressemitteilung zu diesem Fall vom „Mobilfunk Bürgerforum“ verbreitet wird.

Wohlgemerkt: Es hat sich weder die Sendeleistung erhöht, noch die Ausrichtung der Sendeanlagen, auch die Modulationsfrequenz ist gleich geblieben. Nur in der Modulation selbst wurde eine kleine Optimierung vorgenommen, die wohl einen erhöhten Datendurchsatz bei gleicher Sendefrequenz erlaubt. Naja, das hält man aber auch im Kopf nicht aus… diese ganzen Daten, die jetzt plötzlich in noch größerer Zahl durch die Luft schwirren und ständig auf die hohlen Köpfe da unten treffen…

Nur mal so zum Vergleich: Ein Handy sendet mit maximal(!) 1 Watt. Das ist aber wirklich die maximale Sendeleistung. In den meisten Fällen kommt es mit weitaus weniger Leistung aus. Ein Sendemast hat eine Sendeleistung von 50 Watt. Und auch das soll wohl eher die obere Grenze denn die Regel sein. Wobei man anmerken muss, dass die Leistung mit der Entfernung exponentiell nachlässt. Ein Handy direkt am Ohr bestrahlt unser Hirn also mit mehr Energie als so ein Sendemast in 20 Metern Entfernung. In (fast) jeder Küche (und ich wette, auch in Oberammergau) gibt es einen Mikrowellenherd. Ihr habt doch sicher eine ungefähre Vorstellung davon, welche Leistungsstufen man an so einer Mikrowelle einstellen kann, oder? Die sind zwar geschirmt, sonst würde unser Hirn beim Einschalten gekocht — vielleicht ist das ja in Oberammergau passiert? — aber ich würde mich nicht wundern, wenn nicht doch das eine oder andere Wättchen doch den Weg in die grenzenlose Freiheit unserer Küchen finden würde.

Mit anderen Worten: Was immer die Beschwerden der Hinterwäldler da unten verursacht: Der Sendemast von T-Mobile ist es nicht. Und bei den Beschwerden würde ich vielleicht doch lieber erst einmal eine Bodenprobe nehmen. Wer sagt denn, dass der Pastor nicht letztes Jahr seinen Chemiebaukasten am Fuße des Sendemasts verbuddelt hat?

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