Ich kann mich an meinen Sexualkundeunterricht in der Schule kaum erinnern. Das mag in erster Linie daran liegen, dass ich im außerschulischen Leben einfach viel mehr zu diesem Thema „gelernt“ habe als mir meine Biologie-Lehrer jemals hätten beibringen können. Ich erinnere mich jedoch, dass AIDS während meiner Schulzeit gerade ein Thema wurde und vor allem während der Oberstufenzeit das Safer-Sex-Konzept in den Vordergrund gerückt wurde.
Es gab bei weitem nicht so viele Homosexuelle wie heute… Nein, falsch. Es gab bei weitem nicht so viele, die sich als Homosexuelle geoutet haben, wie heute. Aber in dieser Zeit wurde ein Großteil dessen eingeläutet, was uns heute einen offeneren Umgang mit der Thematik ermöglicht, so dass auch gestandene Politiker sich öffentlich zu ihrer „Andersartigkeit“ bekennen können, ohne dabei gleich ihre Karriere aufgeben zu müssen. Ich finde das gut.
Roman Giertych nicht. Roman Giertych ist Bildungsminister in Polen. Und es ist ihm ein dermaßen großer Dorn im Auge, dass es so etwas wie gleichgeschlechtliche Liebe (insbesondere die auf körperlicher Ebene) gibt, dass er sich in den letzten Tagen in sein stilles Kämmerlein gesetzt und ein Gesetz aufgeschrieben hat, das den Homosexuellen – zumindest denen im Staatsdienst – den Garaus machen soll.
Wenn auf einem Plakat einer AIDS-Aufklärungskampagne zwei Männer zu sehen sind, die sich küssen, sprich Herr Giertych von „homosexueller Propaganda“. Sieht das polnische Familienbild in Gefahr, welches doch laut polnischer Verfassung vom Staat geschützt werden soll, und sich selbst aus diesem Grund in der Pflicht, das Thema Homosexualität vor allem aus den Schulen zu verbannen, wo die leicht zu beeinflussenden Jugendlichen für „homosexuelle Agitation anfällig sein könnten“. „Hier haben wir die Anleitung dafür, wie Homosexuelle Sex treiben.“ Der Unterton ist deutlich herauszulesen; als sei es das Widerlichste der Welt, auf einer Stufe mit Raub, Vergewaltigung oder gar Mord.
Wird Giertych sich durchsetzen können – und nach polnischen Beobachtern spricht vieles für die erforderliche Mehrheit im polnischen Parlament – werden in Zukunft an den Schulen alle Publikationen und sämtliches Aufklärungsmaterial über homosexuelle Beziehungen unter Strafe gestellt. Lehrer, die versuchen, ihre Schüler gesundheitlich aufzuklären und dabei auch Homosexualität thematisieren, sollen entlassen werden dürfen. (Warum nicht gleich gehängt?) Als könne man Homosexualität komplett auslöschen, wenn man sie wegtabuisiert.
Das wird aber nicht funktionieren. Das sagt allein der gesunde Menschenverstand. Genausowenig wie Gesetze Straftaten verhindern, wird er Polen mit seinen Ideen komplett heterosexuell machen können – auch, wenn das jetzt ein ziemlich beknackter Vergleich ist. Er wird es aber schaffen, dass homosexuell veranlagte Jugendliche mit ihren Problemen zukünftig alleine dastehen werden. Aufklärung Fehlanzeige. Aufzeigen gesundheitlicher Risiken Fehlanzeige.
Während hierzulande gerade in diesen Tagen wieder vermehrt das Thema AIDS-Aufklärung in den Fokus rückt und demnächst wieder vermehrt in die Öffentlichkeit getragen werden soll, plant Polen den Schritt in das Mittelalter. Ich bin mal gespannt, was die polnischen Politiker sagen, wenn die doch ach so schutzbedürftigen polnischen Familien mittel- bis langfristig ausgedünnt werden, weil Familienväter mit homo- oder bisexueller Neigung dem HIV-Virus wie die Fliegen zum Opfer fallen.
Wenn Giertych bei diesem Thema im selben Atemzug davon spricht, er sei für Toleranz, wirkt das ganze nur noch wie absurdes Kasperletheater. Aber seit dem deutsch-polnischen Kartoffel-Eklat wundert mich bei dem Staat jenseits der Oder überhaupt nichts mehr…