Eigentlich liebe ich mein Land. Ich bin so froh, dass ich nicht als Kind von hungernden Buschmännern, frierenden Sibiriern, nicht-reisen-dürfenden Nordkoreanern, diskriminierten Dunkelhäutigen oder verblendeten US-Amerikanern geboren wurde, sondern als Deutscher. Na ja, es hätte noch besser kommen können, aber im Grunde ging es meiner Existenz bisher doch recht gut. Bisher.
Nordrhein-Westfalen, das ist dieses Bundesland, das ich als meine Heimat definiere, weil ich hier geboren wurde, aufgewachsen bin und vielleicht auch sterben werde, hat mir heute einen ganz üblen Dolchstoß in den Rücken verpasst. Oder besser gesagt, nicht das Land selbst, sondern die von der Bevölkerung im Jahr 2005 gewählte Landesregierung aus CDU und FDP, allen voran unser Innenminister Ingo Wolf.
Eben jene Fraktionen haben nämlich heute die Änderung des Verfassungsschutzgesetzes verabschiedet. Gegen die Stimmen der Opposition, möchte man eigentlich ergänzen, aber erstens interessiert das beim Inkrafttreten des Gesetzes keine Sau, und zweitens könnten die Rollen der Partien beliebig vertauscht werden, und doch wäre das Ergebnis meist identisch oder zumindest ähnlich. Vergessen wir also die Opposition, aber warum müssen in der letzten Dekade Innenminister eigentlich grundsätzlich verbohrte, merkbefreite, arrogante Arschlöcher sein – egal, ob nun auf Bundes- oder Landesebene?
Was besagt denn nun dieses Gesetz, dass ich mich hier schon wieder so darüber aufregen muss? Den staatlichen Organen wird damit unter anderem das Recht eingeräumt, ohne Durchsuchungsbeschluss oder ähnlichen überflüssigen und polizeistaatlich hinderlichen Schnick-Schnack private Computer über das Internet auszuspähen. Das nenne ich den wahren Terror, und er nimmt in bedrohlicher Weise zu.
Denn das heißt also, dass jetzt – in diesem Moment – da ihr dies hier lesen könnt, theoretisch ein „Verfassungsschützer“ oder sonst irgendein staatliches Organ ganz legal auf eurer Festplatte nach verfassungsfeindlichem Material stöbern darf.
„Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.“ Na klar. Kommt mir jetzt bloß noch mit so einem Mist. Auch wenn ich nichts Verfassungsfeindliches, Illegales oder Ordnungswidriges im Schilde führe, hat trotzdem noch keine Person oder kein Organ dieses Staates das Recht, meine in Excel geführte Haushaltsabrechnung, in Word geschriebenen Bewerbungsschreiben oder in Basic programmierten Algorithmen abzurufen und in Augenschein zu nehmen. Denn wer garantiert mir denn, dass ich trotz lupenreiner weißen Weste nicht doch mal ins Fadenkreuz irgendwelcher übereifrigen Ermittler gerate?
Die Privatwohnung ist bisher die letzte Rückzugsmöglichkeit gewesen. Überwachungsfreier Raum. Mit dem Zugang ins Internet ist in Zukunft selbst das nicht mehr gegeben.
Wozu eigentlich das Ganze? Man will offiziell Informationen über Anschlagspläne erhalten. Bruahahahaha! Dass ich nicht lache! Ich kann euch spontan zwei Fälle nennen, die das ganze wie eine Farce wirken lassen. Zum einen wären da die berühmt-berüchtigten Koffer-Bomber, die – ziemlich dilettantisch noch dazu – ein paar Gasflaschen in Regionalzügen deponiert haben, die aber zum Glück nicht hoch gegangen sind. Es gab gestochen scharfe Überwachungsvideos, aber gab es auch im Nachhinein gefundene Hinweise im Internet, die, wenn man sie gefunden hätte, dazu beigetragen hätten, die Anschläge zu vereiteln? Oh, man hat im Browser-Cache der Attentäter Aufrufe von Webseiten gefunden, auf denen Anleitungen zum Bombenbau abgerufen werden können? Dann könnte es dich mit dem neuen Gesetz auch bald ins Visier der Ermittler rücken, wenn du mal – absichtlich oder unabsichtlich – auf eine Internet-Seite gerätst, die derartige Inhalte hat.
Anderes Beispiel: Unser unsäglicher Amokläufer Sebastian B. aus Emsdetten. Der hat tatsächlich alle nötigen Informationen bereit gestellt. Sogar öffentlich! Ein Zugriff auf private Festplatten wäre gar nicht nötig gewesen. Hat irgend jemand sich genötigt gefühlt, da mal warnend oder hindernd einzugreifen? Wie sich im Nachhinein herausgestellt hat, gab es immerhin genug Leute, die Kenntnis von den entsprechenden Seiten und deren Inhalten besaßen. Ist das – gottseidank ohne Tote verlaufende – Massaker aufgrund der eindeutigen Ankündigungen verhindert worden? Ihr kennt die Antwort. Im Gegenteil waren ausnahmslos alle überrascht und fielen aus allen Wolken. (Und wie orientierungs- und ahnungslose Beutetiere stochern sie wie wild im Nebel nach irgendwelchen Gründen und erwischen dabei „ganz nebenbei“ die Killerspiele, wie praktisch! Aber das ist ein anderes Thema.)
Nun, meine Festplatte gehört mir. Da kommt keiner drauf, der da nicht drauf soll. Denn abgesehen von unseren lieben Herren Politikern weiß ich, wie ich fremde Zugriffe auf mein lokales Rechnersystem zu Hause unterbinden kann. Zugegeben, das einzige, was mir einen Strich durch die Rechnung machen könnte, wäre eine Backdoor, eine Hintertür in dem Betriebssystem, das ich (noch) bevorzugt einsetze, die dort schon eingebaut ist oder evtl. aufgrund diverser Gesetze noch eingebaut werden wird. Auch E-Mails von staatlichen Stellen (und sei es nur vom Finanzamt oder der noch mit Bundesbeamten stark belasteten Telekom) müssen dann demnächst mit entsprechendem Argwohn behandelt werden, könnte sich doch ein Bespitzelungs-Tool in Form eines Trojaners oder ähnlichem darin verbergen.
Und sollte ich gesetzlich dazu gezwungen werden, eine bestimmte Software zu installieren, gut, dann installier ich die halt – auf einem Zweitrechner, in einer virtuellen Maschine oder kurz bevor ich eh das komplette System neu aufsetzen will.
Auswandern, das wäre auch eine Alternative, aber das würde mir wirklich schwer fallen. Denn eigentlich liebe ich mein Land.
Update: Die Mülheimer Bürgerrechtlerin Bettina Winsemann (alias Twister) hat Verfassungsbeschwerde gegen das heute beschlossene Gesetz angekündigt. Jede Unterstützung ist willkommen.