Mittwoch, 2. Januar 2008
Lernerfolge
Irgendwann macht man jede Sache zum ersten Mal. Der erste Pups passiert meist schon in den ersten vierundzwanzig Stunden nach der Geburt. Der erste Gang auf eine Demo dagegen kann auch schonmal erst mit siebenunddreißig Jahren stattfinden – im Zweifel sogar gar nicht. Letztes Jahr im April bin ich nun endlich für meine Grundrechte und gegen die zunehmende Überwachung durch den Staat auf die Straße gegangen. Es ist erstaunlich, was man dabei so alles lernt. Eines der vielen Dinge ist zum Beispiel: Einsatzleiter bei der Polizei können scheinbar nicht zählen.
Ich war am 14. April in Frankfurt bei der ersten vom Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung unter dem Motto „Freiheit statt Angst“ veranstalteten Demo. Und mit mir waren geschätzt 1999 andere auf der Straße. Ein selbst durchgeführter Versuch einer Teilnehmerschätzung auf der Mainzer Landstraße kam auf „Pi mal Daumen 1.500 bis 2.000 Menschen“. Die Polizei, und damit die Nachrichtenquelle für die Agenturen, berichtete „nur“ von 1.000 Demonstranten. Eine Fehlerquote von hundert (in Worten: 100!) Prozent. Lächerlich.
Am 22. September kam für mich dann Runde zwei in Berlin. Der Arbeitskreis versuchte, aus den Fehlern zu lernen und organisierte einen Presseverantwortlichen. Bei den aufgelaufenen Massen scheiterte meine Schätztechnik, aber erfahrene Menschen der Orga schätzten „vorsichtig“ und kamen auf 15.000 Teilnehmer. Eine Zunahme gegenüber der Frankfurter Demo um das 7- bis 10-fache. Die Polizei … die sah das ähnlich. Und rechnete also 1.000 in Frankfurt mal 7 macht 7.000 Teilnehmer. Zwar korrigierte sie weit nach Ende der Demo die Zahl und ließ in einem Nebensatz verlauten, die Schätzung des Arbeitskreises sei „realistisch“, aber da waren die Meldungen schon in allen Medien – natürlich mit den falschen Zahlen. Das ZDF gar will nur von 2.000 Teilnehmern gewusst haben. Die hatten wohl eine Pressemeldung zur Demo in Frankfurt gelesen. Nachweisen lässt sich eine böse Absicht nicht – allein, der Verdacht drängt sich schon auf.
Am 9. November dann gab es bundesweite Kundgebungen, teilweise auch Demozüge. Das Ruhrgebiet war mit 30 Leutchen in Dortmund und einer mir unbekannten Teilnehmerzahl in Düsseldorf (ja, das gehört nicht zum Ruhrgebiet, ich weiß) vertreten. In Hamburg, Berlin und München soll die Luzie abgegangen sein. Erstmals lancierte der Arbeitskreis aus einem „Pressebüro“ heraus regelmäßige Meldungen über den Ablauf und die Zahl der Teilnehmer. Und das funktionierte sogar …
Man lernt also immer wieder dazu. So auch diesmal, da es um eine medienwirksame Aktion geht, in der angesichts des Inkrafttretens der Vorratsdatenspeicherung zum 1. Januar die Privatsphäre in Deutschland zu Grabe getragen wird. Der so genannte „Bundessarg“ startete Silvester in Hamburg und bahnt sich seinen Weg durch Kassel, Frankfurt, Karlsruhe und Ulm, bis er am 6. Januar in München ankommt, wo er dem dort an diesem Tag anwesenden Bundesinnenminister Schäuble übergeben werden soll.
Das schöne an dieser Bundessarg-Aktion ist, dass die Medien auch dann hingucken, wenn nur wenige Leute teilnehmen. Es ist nicht notwendig, 15.000 oder noch mehr Menschen auf die Straße zu bringen. Die Aktion steht für sich selbst.
Und so ist es für einen, der abseits der Sarg-Route wohnt, schön zu lesen, dass allein beim Start in Hamburg 500 Menschen unserer Privatsphäre das „Letzte Geleit“ gegeben haben.
Nur die Polizei – die kam auf „200 Demonstranten“ – hat das mit dem Zählen irgendwie immer noch nicht gelernt.





