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Freitag, 14. Dezember 2007

Seifenopern

Marco W.* ist frei. Endlich. Na ja, ein abschließendes Urteil steht noch aus, die Verhandlung geht im April weiter, aber vorerst darf Marco nach Hause, und das ist gut so. Endlich mal eine gute Nachricht.

Dafür gab’s dann gleich wieder den Aufreger, als ich abends die Tagesschau einschaltete. Marcos Freilassung war natürlich der Aufmacher der Sendung. Okay, kann man machen. Immerhin war der arme Kerl jetzt acht Monate in Untersuchungshaft: für einen, der noch nicht verurteilt ist, wo es also noch egal sein müsste, ob er schuldig ist oder nicht, eindeutig zu lang.

Doch worin bestand denn die Neuigkeit? Marco W. ist frei, die Entscheidung fiel gegen 15:30 Uhr unserer Zeit und war für so ziemlich jeden überraschend. Offenbar hatten alle gehofft, aber keiner geglaubt, dass Marco Weihnachten doch noch zu Hause verbringen könnte. Der Anwalt der Klägerin zeigte sich enttäuscht, und ein türkischer Großindustrieller war am Vorabend bei Marco in der Zelle und heute im Gerichtssaal – ein Hauch von Korruptionsverdacht weht durch den Tagesschau-Bericht.

Damit sind die Neuigkeiten erschöpft. Bequem abzuhandeln in 90 Sekunden. Meinetwegen auch wie in der Tagesschau selbst gestreckt auf knapp zwei Minuten. Prima – wenden wir uns wichtigen Dingen zu …

Denkste! Uelzen feiert das Urteil die Entscheidung, als hätte Günter Schabowski gerade die Grenzöffnung verlesen. Das muss man doch angemessen würdigen, am besten mit weiteren gut sechzig Sekunden, in denen Nachbarn, Mitschüler und Durchreisende ihren triefenden Sermon in die Kamera seihern dürfen. Nicht zu vergessen das Merkel, das mit einer Miene, als hätte Schorsch Dabbelju Deutschland soeben den dritten Weltkrieg erklärt, berichten musste, die Botschaft habe die Regierung „erfreut“.

Wenn ich daran denke, dass unsere Demo in Berlin gegen die zunehmende Überwachung in Deutschland und Schäubles feuchte Träume am 22. September lediglich mit einem Fünf-Sekunden-Filmchen und einem Nebensatz in einem sachfremden Bericht in den Tagesthemen erwähnt wurde, könnte ich fast das Heulen kriegen.

Nachdem ich andere Nachrichtenportale zum Tagesgeschehen konsultiert hatte, muss ich zugeben, dass es nicht vieles andere gegeben hätte, das genügend Relevanz für den Bundesbürger besitzt, in der Prime-Time-Nachrichtensendung erwähnt zu werden, aber auf Anhieb fiele mir mindestens die Kritik am elektronischen Reisepass mit unseren digitalen Fingerabdrücken ein, gegen den der Bochumer Michael Schwarz vor dem Gelsenkirchener Verwaltungsgericht klagt. Das wäre sicherlich die sechzig Sekunden wert gewesen, für die man den „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“-Teaser locker aus der Tagesschau hätte raus lassen können.

*) Wieso eigentlich „W.“? Spiegel Online scheut sich nicht, den Nachnamen komplett zu nennen. Und wie das in der „Bild“ aussieht, wage ich gar nicht wissen zu wollen.

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