Wow. Ich stehe immer noch unter dem Eindruck eines Interviews, das ich gerade gelesen habe.
Ich habe ja kürzlich schon einmal auf einen Kommentar bei Spreeblick verwiesen, in dem ein paar Anmerkungen eines Technischen Direktors eines Web-Hosters nachzulesen waren. Malte von Spreeblick hat besagte Person, die aber selbst anonym bleiben will, ausfindig gemacht und ihm in Form eines Interviews die Möglichkeit gegeben, etwas ausführlicher zum Thema Vorratsdatenhaltung, technische Möglichkeiten der Ermittlungsbehörden und Hintergrundwissen der entscheidenden Politiker zu referieren.
Besonders starker Tobak war für mich dieser hier vollständig zitierte Abschnitt:
SB: Welche technischen Kenntnisse müssten bei den Behörden vorliegen, um das Abgehörte auszuwerten?
CTO:Es mangelt vor allem an zwei Dingen: Erstens KnowHow. Was bedeutet der ganze Kram in den Logfiles überhaupt? Wie ist zum Beispiel eine Maillog auszuwerten, was bedeutet der Kram in einem E-Mail-Header? Das ist ja nicht trivial. Viele Leute bei den Ermittlungsbehörden (und vor allem auch in der Politik) denken, das sei so ähnlich wie Telefon. „Um 16.34 hat Anschluss X mit Anschluss y telefoniert und das Gespräch hat 7 Minuten gedauert.“
Nur: So funktioniert Internet nicht. Viele Polizisten verstehen zum Beispiel nicht, dass man gar nicht sicher sagen kann, wie lange sich jemand eine Webseite angesehen hat, dass die Tatsache, dass ein Mailserver ein Mail empfangen hat, noch nicht heißt, dass sie jemandem zugestellt wurde oder dass sie jemand gelesen hat (um nur mal 2 häufige Probleme zu nennen), vielfach wird nicht einmal erfasst, wer überhaupt zu fragen ist.
Bei uns gehen Anfragen ein, die klar an den Leitungsprovider des Kunden gerichtet sein müssten, und nicht an den Hoster.
Die Politiker scheinen mitunter noch wesentlich weniger zu kapieren, wie die Technik funktioniert, daher sind die Gesetze oft so lächerlich weltfremd.
Wir hatten auch schon Fälle, wo Leute bei uns im Büro standen und mal eine Festplatte eines Kundenrechners beschlagnahmen wollten, nur um dann festzustellen, dass es bei einem Shared Webhosting „die Festplatte des Kunden“ nicht gibt, sondern die Daten überall verstreut rumliegen, die Datenspeicherinstallation außerdem irgendwo ganz anders in Deutschland steht UND man einen Lastwagen brauchen würde, um das Ganze zu transportieren.
Also KnowHow wäre eine Sache.
Außerdem mangelt es an Tools. Es gibt bei keiner mir bekannten Polizeistelle Rechner, die in der Lage wären, ein 4 GB Logfile einzulesen und nach Einträgen zu durchsuchen, oder Software, die Apache-Logfiles auswerten kann oder Sniffer, die IP-Mitschnitte interpretieren und aufbereiten könnten. Besonders die laut Datenvorratshaltung aufzuhebenden IP-Verbindungsdaten sind ja riesige Mengen. Wir reden hier von TERAbyte Daten pro Halbjahr. Wer soll denn 2 Tera IP-Logs eines fraglichen Zeitabschnitts nach einer bestimmten Kommunikation durchsuchen? Selbst wir hätten da im nachhinein durchaus Probleme. Davon, dass irgendeine Polizeistelle das kann (außer dem BKA eventuell) kann überhaupt kein Rede sein. Am Ende wird es ein Ergänzungsgesetz geben, das UNS verpflichtet die Auswertung vorzunehmen. Vermute ich mal. Natürlich kostenlos.
(Am Rande: was kostet es, die ganzen Daten aufzuheben? EINEN HAUFEN SCHOTTER. Einen großen Haufen. Wer zahlt? Erst die Wirtschaft und dann der Kunde.)
Ich kann nur empfehlen, den Rest auch zu lesen. Auch beziehungsweise insbesondere dann, wenn du auch der Meinung bist, du hättest nichts zu verbergen.