Donnerstag, 3. Mai 2007
Griff ins Klo
Das Urheberrecht treibt zuweilen bizarre Blüten. Erst recht, wenn ein Kopierschutz im Spiel ist, der auf Geheimhaltung beruht. Dass solche geheimen Informationen nicht lange diesen Status behalten, hätten die Bonzen der MAFIA („Music and Film Industry Association“™) schon beim Thema DVD bemerken müssen, als schon nach kurzer Zeit der so genannte CSS-Schlüssel wild kursierte, der zum Verschlüsseln von DVD-Inhalten in der Format-Spezifikation festgeschrieben wurde.
Zurzeit will die Industrie, die uns mit so tollen Werbebotschaften wie „Raubkopierer sind Verbrecher“ bedenkt, die man auf handelsüblichen DVD-Playern nicht überspringen kann, und die kackfrech und fälschlicherweise suggerieren, ein Gelegenheits-Konsument von illegal kopierten Inhalten bekäme grundsätzlich fünf Jahre schwedische Gardinen, uns ein neues Format aufschwatzen. HD sei Dank, diesem tollen neuen Hype, der seit der letzten Fußball-WM (oh, sorry, ich muss ja „FIFA WM 2006™“ schreiben, sonst riskier ich ne Abmahnung) um sich gegriffen hat wie die Pest im Mittelalter (und das, wo doch noch kaum ein Gerät wirklich „Full HD“ beherrscht). Meine jüngsten Feldforschungen haben gezeigt, dass der ortsansässige Blödmarkt nicht ein echtes HD-Gerät in der Ausstellung hatte. Alle hatten nur lächerliche 768 Zeilen. Dabei weiß doch jedes Kind, dass HD unter 1080 Bildzeilen gar nicht erst anfängt.
So fehlt mir auch ein bisschen der Vergleich, denn wenn ich vor so einem 768-Zeilen-LCD-Frühstückstablett stehe, fällt es mir sehr schwer bis gar unmöglich, irgendeinen Unterschied zu der Brillanz meiner 100-Hertz-80-Zentimenter-Röhre, gefüttert mit einem Original-DVD-RGB-Strom, zu erkennen. Dass da jetzt die so genannten HD DVDs oder auch die BluRay-Discs der handelsüblichen DVD das Wasser abgraben sollen, bereitet mir daher ein bisschen Bauchschmerzen, bedeutet das Ganze doch, dass ich auf absehbare Zeit meinen Film-Nachschub nur noch auf HD-Medien bekomme, für die ich ein neues Abspielgerät brauchen werde (das ich zu dem Zeitpunkt garantiert noch nicht für 30 Euro beim nächsten Supermarkt kaufen kann), und die auch nicht für fünf bis zehn Euro verramscht werden, nachdem sie sechs Monate lang für 25 Euro keiner haben wollte.
Gerade die HD DVD hat da aber so einige Problemchen, was ihren Kopierschutz angeht. Der ist nämlich schon geknackt, noch bevor sich das Format am Markt überhaupt richtig bemerkbar gemacht hat. Aber nicht alles, was laut Gesetz böse ist, ist schlecht. Man denke an die vielen PC-Besitzer, die sich von Windows frei gemacht haben und einem Apfel nichts abgewinnen können oder aus irgendwelchen anderen Gründen bei Linux gelandet sind. Linux ist nämlich ein Betriebssystem, dessen Programmcode per Definition offen ist. Jeder kann ihn lesen. Jeder – naja, sagen wir fast jeder – kann daran mitschreiben. Und aus diesem Grund darf der Schlüssel, mit dem HD DVDs auf Computern abspielbar gemacht werden können, in Linux nicht hineinprogrammiert werden. Nicht offiziell zumindest.
Es gibt allerdings ein paar Tools für Linux, die können trotzdem HD DVDs dekodieren. Man muss sie nur mit besagtem Schlüssel füttern. Nur… wie kommt man da ran? Dazu gibt’s doch das Internet.
Dort gibt’s auch einen Dienst namens „Digg“. Zumindest gibt es ihn noch. Dort kann man nach einem einfachen Schema, ganz nach Web-2.0-Manier, Links auf besonders lesenswerte Seiten mit einem Kommentar melden. Besonders häufig genannte Adressen erscheinen dann bei Digg.com auf der ersten Seite. So eine Art Sammelstelle für die beliebtesten Bookmarks, wenn man so will. Dort tauchte eben jener HD-DVD-Schlüssel auf, und das gefiel den Filmemachern gar nicht. Also drohten sie mit juristischen Konsequenzen, falls Digg.com die entsprechenden Einträge nicht entferne. Also gab Digg.com klein bei und machte, was Gott die MAFIA ihnen sagte.
Das wiederum gefiel den Nutzern von Digg.com überhaupt nicht. Link-Zensur, wo käme man denn da hin? Es brach eine Welle der Entrüstung los. Und damit ist wirklich eine Welle gemeint. Eine Welle, die sich in Form von einer Schwemme von Links manifestierte, die entsprechenden Code beinhaltete. Der Fall machte die Runde durch etliche Blogs und Foren, wo als Reaktion ebenfalls fleißig Kommentare auftauchten, die diesen Code enthielten. Mittlerweile gibt es wohl kaum eine Stelle im Netz, wo die aus 16 Hexadezimalzahlen bestehende Ziffernfolge nicht zu bestaunen wäre. (Na gut, hier vielleicht, aber ich bin auch ein Schiss-Hase.) Selbst digg.com hat sich mittlerweile dem Willen seiner Nutzer gebeugt und das Löschen solcher Einträge mittlerweile eingestellt, ganz nach dem Motto: Wir haben verstanden. Wir können zwar dabei draufgehen, aber das isses uns wert.
Mit ihrer Bann-Aktion hat die Content-Industrie sich also selbst ins Knie gefickt. Statt ihr eigentliches Ziel zu erreichen, den Code möglichst im ewigen Datennirvana verschwinden zu lassen, ist er nun für jeden halbwegs intelligenten Internet-Benutzer maximal zwei Klicks vom nächsten Einwahlknoten entfernt aufzufinden.
Aber vielleicht war das ja Absicht? So ganz nach dem Motto: Auch schlechte Publicity ist immerhin Publicity. Und irgendwie muss man ja dem Konkurrenten BluRay den Schneid abkaufen. Oder?






Erst 1 Kommentar:
Publicity brauchen die nicht. Die zwingen dir ihre Technik einfach auf, die können das. Und AACS sichert sowohl BluRay als auch HD-DVD, daher weht der Wind auch nicht. Überhaupt glaube ich da nicht an Strategie. Das Ganze passiert, weil es geht und weil soetwas so abläuft. Ohne Nachdenken. Da werden einfach Prozeduren abgespielt. Und daran wird dieses System auch zerbrechen, denn jetzt sind ja wir alle da
PS: Danke für den Link!