Neunundzwanzig Kilometer von unserem Zuhause entfernt, genauer in Oberhausen-Tackenberg, bebte gestern die Erde. So stark, dass Wände wackelten und Möbel durch die Zimmer tanzten. Die Polizei, von besorgten Bürgern informiert, räumte sofort alle Häuser der betroffenen Siedlung.
Dann begann die Ursachenforschung: Ein Erdbeben wurde schnell ausgeschlossen. Dafür soll das betroffene Gebiet einfach „zu klein“ gewesen sein. Blieben noch Bergschäden, immerhin ist in unmittelbarer Nähe die Zeche Prosper-Haniel, aber auch das kam am Ende nicht in Frage, da unter der Siedlung schon lange keine Kohle mehr abgebaut worden sein soll.
Und dann war da noch die Spedition, die wenige Meter entfernt auf ihrem Grundstück für sogenannte Erdverdichtungsarbeiten eine Ramme eingesetzt hatte. Irgendwie naheliegend, dass man diese Erdarbeiten als mutmaßliche Ursache für die Vibrationen weiter untersucht… allein, man findet nichts. Eigens angerückte Seismographen der Deutschen Montantechnologie haben mit einem Messgerät die Arbeit der Ramme genau beobachtet, konnten aber keinen Zusammenhang feststellen. Weitere Alternativen boten sich als Ursache nicht an, so dass der Tag mit der Meldung „Die Experten stehen vor einem Rätsel“ geschlossen wurde.
Heute dann gegen Nachmittag die Meldung im Radio: Es soll wohl doch die Ramme gewesen sein. Jetzt ist plötzlich nur noch von einem „Gutachter“ die Rede, der doch einen Zusammenhang zwischen Ramme und Beben entdeckt haben will. Zugegeben, jeder klar denkende Mensch muss einfach diesen Zusammenhang herstellen, aber dafür sind dann ja auch Spezialisten (von wegen „Gutachter“) mit Messgeräten angerückt. Und die moderne deutsche Messtechnik soll hier so eklatant versagt haben? Wenn wollen die jetzt eigentlich an der Nase herumführen?
Wenn ich eines in den fünf Jahren unter meinem vorletzten Chef gelernt habe, dann dies: Alles hat eine Ursache, und solange die nicht gefunden ist, wird keine Ruhe gegeben. Und es dürfte klar sein, dass diese Regel gerade im öffentlichen Bereich mehr denn je gilt. Es kann und darf schließlich nicht sein, dass irgendwas passiert, und niemand kann sagen, was es war. So gesehen war der Zustand, in dem die Nachrichtenhörer und -leser – und insbesondere die Oberhausener – gestern Abend schlafen gegangen sind, ein unhaltbarer.
Also wird mal eben ein Gutachter aus dem Hut gezaubert, der einem Wünschelrutengänger gleich die Messgeräte der Montanindustrie Lügen straft und kurzerhand behauptet, es sei doch die Ramme gewesen. Nicht einmal eine Stunde später wird dann noch schnell die Meldung hinterhergeschoben, dass die Spedition aber dennoch nicht für die Kosten des Einsatzes – Polizei, Feuerwehr, Messtechniker und vor allem der Gutachter wollen auch bezahlt werden – aufzukommen braucht, immerhin seien die Vibrationen ja weit unterhalb irgendeines Grenzwertes gewesen und somit könne man niemandem einen Vorwurf machen.
Ich hab ehrlich gesagt auch keine Ahnung, was letztlich der Grund für die Vibrationen war. Aber ich sage das wenigstens und kann das auch guten Gewissens so im Raum stehen lassen. Ich muss mir nicht irgendwelche fadenscheinigen Begründungen aus den Fingern saugen, die vor allem deshalb so kompliziert zu formulieren sind, weil man ungeschickterweise erst 24 Stunden zuvor die präsentierte Lösung komplett ausgeschlossen hatte.