Donnerstag, 19. April 2007
Hysterie
Politiker haben mir etwas voraus. Sie reden viel, benutzen hochtrabende Formulierungen, sagen aber wenig. Oder man versteht es nicht. Das kommt vermutlich in den meisten Fällen daher, dass Politiker unter anderem auch Juristen sind. Und Juristen reden so gut wie nie Klartext.
(Wenn Juristen mal die Dinge beim Namen nennen, dann höchstens in einem Gespräch mit einem Mandanten, dem ein Strafprozess bevorsteht, bei dem ihm fünf Jahre Freiheitsentzug oder mehr drohen – aber auch das wird sich in absehbarer Zukunft ändern, nachdem gestern das Bundeskabinett die neue Vorratsdatenspeicherung beschlossen hat.)
Und während allenthalben im Netz, allen voran den Newstickern und der Blogosphäre, bei Berichten über die offenkundigen Begehrlichkeiten unseres Bundesministers des Inneren, Dr. Wolfgang Schäuble, schon offen Parallelen zum Niedergang der Weimarer Republik gezogen und Begriffe wie „Stasi 2.0“ etabliert werden, wird in den (in der heutigen Zeit noch) relevanten Massenmedien wie Tageszeitungen, Boulevardblättern und TV-Nachrichtensendungen die Thematik entweder totgeschwiegen, auf eine kurze Formulierung in einem Nebensatz reduziert
(„Schäubles Pläne“ ohne konkretere Informationen) oder andere politische Mandatsträger dazu mit erschreckend gemäßigten Aussagen zitiert. Desinformation par excellence.
Wenn ich dann im Radio zu dem ganzen Schmonz, der mir in diesen Tagen wieder einige graue Haare mehr eingebracht hat, lediglich höre, der „Koalitionspartner werfe Schäuble Verbreitung von Hysterie“ vor, anstatt dass endlich mal im Klartext dem Bürger vor Augen geführt wird, dass unser Innenminister unseren Rechtsstaat abschaffen will und demnach eigentlich dem Verfassungsschutz überstellt gehört (dem er schizophrenerweise selbst übergeordnet ist), dann könnte ich gar nicht so viel essen wie ich kotzen möchte.
Update 20:50 Uhr: Nicht zu glauben. Die Tagesschau (ich meine tatsächlich die Fernsehfassung) hat heute doch noch über Schäubles Irrwege berichtet, und das umfangreicher und mit kritischeren Untertönen, als ich es mir für gestern beispielsweise erhofft hatte. Warum die Tagesschau-Redaktion aber meinte, mit diesem Thema bis heute warten zu können, nachdem doch schon seit vielen Wochen der Topf vor sich hin brodelt und schon gestern erneut was „übergeschwappt“ ist, ist mir ein Rätsel. Vielleicht hat die Tagesschau ja auch nur die Sensibilität der Bürger unterschätzt?






3 Kommentare:
Nein, nein, Arby. Was der Zentralrat der Juden wegen des Oettingers zu tun hat, ist in der Tagesschau viel wichtiger, als die Demontage des Rechtsstaates. Nicht gewusst?
Parallelen zur Weimarer Republik? Ich seh die eher zu 1984…
Die Unschuldsvermutung abschaffen? Und dann sehe ich in Springer-Medien die Forderung nach dem Friedensnobelpreis für Helmut Kohl… wenn ich noch länger darüber nachdenke erbreche ich wohl Dinge die ich noch nichtmal gegessen habe.
und immer schön flagge zeigen:
http://www.thenicsite.de/projekt.htm
beste grüßleins
nic