Ich hab alles wieder gelöscht. Alle sechs Absätze – lange Absätze – die ich bisher geschrieben habe: Über die Träume des Herrn Schäuble, über die gestrige Sendung „Hart aber fair“ im WDR, über Parallelen zu historischen Begebenheiten. Weil ich jetzt schon Angst habe. Angst vor Repressalien, die mir aufgrund meiner heutigen Meinungsäußerungen jetzt oder in Zukunft vom Staat bzw. seinen Organen drohen könnten. Darum will ich mich hier nur auf ein paar kurze Anmerkungen beschränken, die ich dennoch gerne loswerden möchte.
Gestern Mittag wurde bekannt, dass die Bundesregierung schon seit 2005 Online-Durchsuchungen von Privat-PCs durchführen lässt. Eingeführt von dem damals noch amtierenden Innenminister Otto Schily. Mit Hilfe einer einfachen Dienstanweisung. Ohne Bundestagsentscheidung. Ohne Richtervorbehalt. Verfassungswidrig. Was der Verstoß gegen unser Grundgesetz für Konsequenzen nach sich ziehen kann, habe ich ja gestern schon erläutert.
Auf Heise ist dazu zu lesen (übrigens lange Zeit die einzige Quelle für diese Meldung):
Dem Vernehmen nach gibt es aber noch Probleme bei der praktischen Durchführung der Online-Durchsuchungen. So soll von Regierungsseite beklagt worden sein, dass so viele Daten gesammelt worden seien, dass man ihrer nicht Herr habe werden können.
Wie jetzt? Ich denke, es soll um maximal 10 bis 20 Online-Durchsuchungen pro Jahr gehen? Stattdessen hat man in 24 Monaten so viele Daten gesammelt, dass man sie nicht einmal mehr habe auswerten können? Und was passiert dann mit den Daten? Wieviele Festplatten-Schlafzimmer sind denn jetzt dabei? Fragen, die nie beantwortet werden werden. Staatsgeheimnis.
Herr Beckstein (CSU) und Herr Bosbach (CDU) schieben schon jetzt, bevor auch nur ein Anschlag auf deutschem Boden verübt wurde, geschweige denn Opfer gekostet hat, die Verantwortung auf die SPD. Die Art und Weise, wie das geschieht, verschlägt einem wirklich die Sprache.
„Ich fürchte, dass wir uns mit der SPD erst nach einem hoffentlich nie kommenden Terroranschlag einigen können. Wenn es dazu kommt, werden wir in jedem Falle auch eine Diskussion über die Mitschuld bekommen.“ Die SPD müsste sich dann „die Frage stellen, warum sie nicht alles zur Terrorabwehr unternommen hat“. (Beckstein laut Heise Online)
Für mich hört sich das so an, als wünschten sie sich einen Terroranschlag, nur damit sie es den Kritikern „endlich mal zeigen können“, warum dieser ganze Überwachungsscheiß scheinbar nötig sein soll, und damit sie dem ungebliebten Koalitionspartner-Furunkel endlich eins auswischen können. Pfui!
In „Hart aber fair“ wurden Videos gezeigt. Ein Ausschnitt aus einer Verfilmung des Buches „1984“ von George Orwell mit dem (missglückten) Versuch einer Gegenüberstellung zur heutigen Situation. Später kam dann ein Bericht über Middlesbrough, einer englischen Kleinstadt mit 140.000 Einwohnern. Es wird eine Aufzeichnung eines Überwachungsvideos abgespielt, auf der ein „Kleinkrimineller“ (er trinkt Alkohol in einem öffentlichen Bereich, in dem man öffentlich keinen Alkohol trinken darf – allein das ist schon befremdlich) per Lautsprecher zurechtgewiesen wird. Das war 1984. Pur. Unzensiert. Grauenhaft.
Schäuble verteidigt seine Pläne indessen weiterhin.
Wer der Politik die Möglichkeiten nehme, die für die Bürger notwendige Sicherheit zu gewährleisten, „würde die Freiheitsordnung unseres Grundgesetzes gefährden. Das ist mit einem Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble nicht zu machen“.
Auf die Steilvorlage bleibt mir doch tatsächlich nur noch zu antworten: Na, dann tritt doch endlich zurück!