Es geht um ein brisantes Thema. Darum müsst ihr mir verzeihen, wenn es jetzt etwas ausführlicher wird, denn ich möchte vermeiden, falsch verstanden zu werden. Ich hoffe nur, es gelingt mir.
Es ist jetzt ungefähr elf Jahre her. Ende ’95, Anfang ’96 entdeckte mein damaliges Vierzehn-Vierer-Modem das Internet. Keine Ahnung, was man da außer E-Mail und WWW noch so alles anstellen kann (und das wissen viele Möchtegern-Internet-Experten bis heute nicht), nutzte ich das Angebot meines Zugangs-Anbieters („Provider“), ein vorab mit nützlichen Programmen ausgestattetes Software-Paket herunterzuladen. Darin enthalten war ein Programm namens „mIRC“, damals noch Freeware, aber ich hatte keine Ahnung, wozu das gut sein sollte.
Damals war ich noch naiver, da habe ich sowas „einfach mal eben installiert“ und ausprobiert. Meine Überraschung war groß, dass sich dahinter ein in Echtzeit ablaufender textbasierter Chat – der so genannte „Internet Relay Chat“ (IRC) – verbarg, der es mir ermöglichte, mit Leuten rund um den Globus zu „chatten“. Für jemanden, der Ähnliches zwar schon kannte, aber nur aus einer Mailbox (damals hatte das Wort noch eine andere Bedeutung und nichts mit Handys zu tun), die maximal 20 gleichzeitige Telefon- bzw. Modem-Verbindungen zuließ, war das eine Offenbarung.
Irgendwie landete ich dort in dem Channel „#muenchen“ (heutzutage reden die DAUs nur noch von „Chat-Rooms“), der fortan mein Stamm-Channel wurde. Viele neue, nette Leute lernte ich dort kennen. Und ich lernte, dass im Internet Relay Chat gebaggert wird, dass sich die Balken biegen. Da nimmt man es mit der Wahrheit auch nicht immer so genau. Und ja, ich oute mich, auch ich habe versucht, mit dem einen oder anderen vermeintlichen oder real existierenden Mädel im Chat anzubandeln. Da man im IRC eigentlich nie mit seinem echten Namen unterwegs ist, sondern ausschließlich mit Pseudonym (bei dem höchstens mal eine angefügte „17“ o.ä. auf das Alter schließen lassen soll), traut man sich unter dem Deckmantel dieser vermeintlichen Anonymität schonmal Dinge, die man sonst nicht täte. Das war mal erfolgreich, mal auch nicht.
Ist man dabei mit jemandem in engeren Kontakt gekommen, d.h. hat man nicht nur im öffentlichen Channel, sondern auch per so genannter „private message“ Nettigkeiten ausgetauscht, blüht langsam aber sicher auch der Wunsch nach Visuellem auf. Platt gesagt: Man will was zum Gucken, will wissen, wie der oder die andere aussieht. Dürfte heute nicht anders sein als früher. Dabei kann man auch schonmal Wünsche äußern, wie zum Beispiel dem nach „mehr Haut auf dem Bild“ – um es mal vorsichtig auszudrücken. Viele sind selbstbewusst genug, sich nicht auf so etwas einzulassen. Einige wenige sind noch selbstbewusster und machen es bewusst trotzdem. Es soll wohl auch Unerfahrenere geben, die in ihrer grenzenlosen Naivität gleich Nacktfotos von sich anfertigen und sich was-auch-immer davon erhoffen.
Genau das ist vermutlich vor zwei Jahren einem damals 11-jährigen Mädchen aus dem Kreis Gütersloh widerfahren. Sie chattete mit einem Unbekannten, von dem bisher weder Alter, Einwahlpunkt oder gar der Name, noch das Geschlecht bekannt sind. Dieser Unbekannte forderte – vermutlich aus Jux, so ist das nach meiner IRC-Erfahrung nämlich meistens – das Mädchen auf, Fotos von sich bei sexuellen Handlungen anzufertigen. Sie fiel drauf rein und schickte sieben Fotos an die ihr unbekannte Person. Das Unheil nahm seinen Lauf.
Der Unbekannte verteilte die Fotos: an Freunde, Bekannte, im Internet. Arschloch. Sorry, das musste mal raus. Jedenfalls kam es wie es kommen musste, als Strafverfolger kürzlich auf die Bilder vermutlich auf irgendeiner Webseite aufmerksam wurden und stante pede einen Fall von Kindsmissbrauch und Kinderpornographie witterten. Da von den Bildern nicht einmal bekannt war, wer darauf zu sehen war, nutzte man die Macht der Medien: Im Januar dieses Jahres wurde eines der Fotos in der Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ gezeigt und um Aufklärung über die Identität des Mädchens gebeten, nicht ohne den Hinweis, es ginge um einen „schweren Fall von Kindesmissbrauch“. Die Mutter der heute 13-Jährigen sah die Sendung zufällig und fiel aus allen Wolken. Das Mädchen selbst aber wohl auch. Hatte sie doch bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal gewusst, was ihre unbedachte und – ich möchte das hier noch einmal betonen – freiwillige Handlung für Konsequenzen nach sich ziehen würde.
„Fahndung erfolgreich“ meint die Polizei dann auch ganz lapidar, nachdem endlich klar wurde, worum es sich eigentlich handelte. Und spricht im selben Atemzug weiterhin von einem „schweren Fall von Kinderpornographie“. Dass die Beamten und die Redakteure das Mädchen damit dem Spott einer ganzen Nation („Die mit den Nacktfotos, du weißt schon“) ausgesetzt haben, wird tunlichst verschwiegen oder heruntergespielt. Ganz zu schweigen davon, dass mit Selbstauslöser angefertigte Nacktfotos mit „schwerem sexuellen Missbrauch Minderjähriger“ nicht das Geringste zu tun haben.
Heute bin ich zufällig in die neueste Folge von „Aktenzeichen XY ungelöst“ reingezappt (ja, glaubt’s mir, das war wirklich reiner Zufall), als der Fall aus der vergangenen Sendung erneut in einer Kurzmeldung über den „erfolgreichen“ Verlauf der Fahndung erwähnt wurde. In einer bestürzenden Art und Weise hat der Moderator nach wie vor davon gesprochen, dass das Mädchen
„von einem skrupellosen Pädophilen missbraucht“ (Original-Zitat Rudi Cerne)
wurde. Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem die sich selbst informierenden Internet-Rechercheure schon längst wussten, dass hier keinesfalls von sexuellem Missbrauch oder gar Skrupellosigkeit die Rede sein konnte.
Ob der „Täter“ zudem ein pädophiler Familienvater oder nur ein notgeiler Heranwachsender war, das weiß noch überhaupt niemand – auch die Ermittlungsbeamten nicht. Ihn dann derart öffentlich in eine solche Schublade zu stecken, die ihn dem Zorn aller berufsbetroffenen Pädophilen-Hasser aussetzt, dürfte nicht gerade dazu beitragen, dass er sich selbst zu erkennen gibt und die Sache zu einem guten Ende hin aufklärt, falls es sich um einen jugendlichen Scherzkeks handeln sollte, wie derzeit von mir vermutet.
Und ich will und muss noch einmal klar stellen: Ich will nicht ausschließen, dass der unbekannte Chatpartner nicht vielleicht doch ein „skrupelloser Pädophiler“ ist, aber das geht aus dem aktuellen Fall so überhaupt nicht hervor, und keines der öffentlich bekannt gewordenen Indizien lässt diese Schlussfolgerung zwangsläufig zu. Und ja, ich finde es verabscheuungswürdig, wenn jemand derart das Vertrauen anderer missbraucht und zugesandte Nacktbilder, noch dazu solche in intimen Posen, an Unbeteiligte weitergibt und sogar im Internet verbreitet. Aber wenn ich hier nach öffentlicher Aktenlage eine Straftat erkennen kann, dann nur die der Verletzung des Rechts am eigenen Bild.
Übrigens: Dass die Erziehungsbeauftragten (also allen voran die Eltern des Mädchens aber auch die Lehrer) es nicht geschafft haben, dem Mädel ein Mindestmaß an Medienkompetenz zu vermitteln, damit es eben nicht Nacktfotos von sich an unbekannte Personen weitergibt – davon war und ist – natürlich – mal wieder nicht die Rede. Und das ist in meinen Augen, auch wenn es am Ende dieses Beitrags mehr wie eine unwichtige Randbemerkung aussieht, der wichtigste Aspekt dieser ganzen Geschichte.