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Archiv: Dezember 2006  

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Samstag, 30. Dezember 2006

Gibt’s hier was umsonst?

Passend zum letzten Tag vor der Mehrwertsteuererhöhung begegnete ich mal wieder einem dieser ultradoofen Sprüche, die man immer dann hört, wenn man sie am ehesten erwartet.

Heute war angesichts zweier aufeinander folgender Sonn- und/oder Feiertage mal wieder – nachdem schon letzte Woche der Notstand ausgebrochen schien – Chaos in den Innenstädten und Einkaufszentren. Viele wollen zudem vor der Erhöhung der Mehrwertsteuer und der gesetzlich erzwungenen und den Preis zwangsläufig zusätzlich erhöhenden Beimischung von Biosprit noch einmal die Karre volltanken.

So kam es also, dass ich heute in der Schlange beim Lidl – anders als üblich waren tatsächlich alle vier Kassen besetzt und prall gefüllt – hinter mir die berüchtigten Worte vernahm: „Gibt’s hier was umsonst? Hi hi!“ Ja, wahnsinnig witzig.

Das letzte Mal hörte ich einen ähnlichen Spruch vor wenigen Jahren an einem letzten Tag unserer Cranger Kirmes, als nach dem Abschlussfeuerwerk die ganzen Menschenmassen von den bekannten besten Aussichtsplätzen sich wieder auf dem gesamten Platz verteilend durch enge Haarnadelkurven schlängelten, von einem Spaßvogel, der uns dabei entgegen kam: „Da muss irgendwo ein Nest sein.“

Das eigentlich Schlimme daran ist nur, dass ich diese blöden Sprüche letzterdings auch schon benutze. Ich möchte glaube ich gar nicht wissen, bei wie vielen Leuten ich damit schon ein „Nicht schon wieder so‘n Spruch!“ durchs Oberstübchen gejagt habe…

Ach ja, falls ich es vergessen sollte: Guten Rutsch ins Neue Jahr! Aber rutscht nicht dabei aus! Höhö…

Freitag, 29. Dezember 2006

Bye-bye Beck

Kaum ist man mal ein paar Tage nicht im Lande, schon tanzen die Politiker auf den Tischen herum: Kurt Beck, seines Zeichens momentan amtierender SPD-Parteichef (was aber nichts heißen will, wenn man sich die jüngere Vergangenheit der SPD-Parteispitze so ansieht) und Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, sucht mal wieder Streit.

Ist er doch erst vor gar nicht allzu langer Zeit damit aufgefallen, umher streunende arbeitslose Hartz-IV-Empfänger als ungewaschen und unrasiert zu beschimpfen. Immerhin hat er sich – teils unter Mithilfe eines selten dämlichen, ungewaschenen, unrasierten und arbeitslosen Hartz-IV-Empfängers (der nur unter Druck zum Friseurbesuch animiert werden konnte) – einigermaßen glimpflich aus dieser Posse heraus manövrieren können. Aber wie das so ist mit Schatten auf der Vergangenheit: Sie gehen nie ganz weg.

Umso unschöner seine neuerlichen Vorstöße in Sachen „Maul aufreißen“. Die mehr als unpopuläre Forderung nach einem Reformstopp katapultiert ihn mal wieder in die Schlagzeilen – und begünstigt den Missmut der wählenden Bevölkerung.

Die nächsten Bundestagswahlen sind noch lange hin, aber ich wette, Kurt Beck schielt schon vor dem Hintergrund seines Amtes als Parteichef auf die Kandidatur als SPD-Kanzlerkandidat. Das Eis, auf dem er dieses Ziel erreichen könnte, bricht gerade weg. Sollte er von den Genossen wider Erwarten doch als Kanzlerkandidat 2009 in die nächste Runde gewählt werden, werden spätestens die Bürger mit ihrem Kreuz dafür sorgen, dass es keinen Bundeskanzler Kurt Beck geben wird.

Aber wahrscheinlich haben die Bundeslemminge bis dahin sowieso wieder alles vergessen…

Donnerstag, 28. Dezember 2006

Tropfen auf den heißen Gletscher

Weihnachten ist vorbei, die Leute schwelgen noch in weihnachtlicher Stimmung, da kann man mal wieder einen Vorstoß wagen und unpopuläreVorschläge in die Welt setzen. Heute ist mal wieder das Tempolimit dran.

Der Chef des Bundesumweltamtes denkt nämlich, dass unser Klimawandel sich damit aufhalten ließe, wenn in Zukunft auf bundesdeutschen Straßen nur noch maximal 120 Kilometer pro Stunde gefahren werden würde.

Dabei sind schon 40 Prozent der Autobahn-Streckenkilometer mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung belegt. Und auf den restlichen 60 Prozent sind auch noch genug Deppen unterwegs, die auf einer dreispurigen Strecke die linke Spur mit 100 km/h blockieren. Wie oft fahren jetzt eigentlich wie viele Autos effektiv schneller als 130 auf unseren Straßen?

Aber bei Herrn Andreas Troge klingt das sowas von einleuchtend! Die ganze Welt pustet weiterhin froh ihre Abgasemissionen in die Luft, aber unser Klima hört natürlich schlagartig auf, sich zu wandeln, wenn ein paar PS-statt-Viagra-Spinner „etwas“ langsamer fahren.

Oder gehört Herr Troge etwa auch zu den Größenwahnsinnigen, die denken, unsere Welt bestünde nur aus Deutschland, Amerika und „einem kleinen bisschen Rest“?

Samstag, 23. Dezember 2006

Nicht mehr selbstverständlich

Da kann man mal sehen, wie schnell die Medien sich in ihrer Berichterstattung an neue Bedingungen anpassen können.

War es vor wenigen Monaten noch ein Ereignis, wenn unser Bundespräsident Horst Köhler mal ein Gesetz nicht unterzeichnet hat, so ist man – zumindest auf tagesschau.de – schon so weit, dass jedes nicht abgelehnte und unterzeichnete Gesetz eine Meldung wert ist.

Freitag, 22. Dezember 2006

Es ist noch Suppe da…

Ist euch schon mal aufgefallen, dass es vom Nebel am Londoner Flughafen kaum Bildmaterial in den Medien gibt? Ja, okay, da ist schonmal das eine oder andere Bild, wo man in weißen Dampfschwaden Flugzeugteile herausragen sieht, aber das kann doch nicht der Nebel sein, der den kompletten Flugverkehr lahmlegen können soll.

Ich hab mir mal die Mühe gemacht, bin mal eben zu Fuß durch den Eurotunnel und hab in Heathrow ein Foto geschossen. Ist echt gut geworden…

nebel.jpg

Donnerstag, 21. Dezember 2006

Überbietungswettbewerb

Unsere allseits beliebte Bundeszypries kritisiert derzeit den „Überbietungswettbewerb in Politik und Medien“: Sobald etwas als Missstand wahrgenommen werde, ertöne der Ruf nach neuen Gesetzen. Na, sowas aber auch!

Es gibt Leute, die sollten sich mal an ihre eigenen Nasen fassen…

Mittwoch, 20. Dezember 2006

Die Terrorgefahr wächst

Eigentlich liebe ich mein Land. Ich bin so froh, dass ich nicht als Kind von hungernden Buschmännern, frierenden Sibiriern, nicht-reisen-dürfenden Nordkoreanern, diskriminierten Dunkelhäutigen oder verblendeten US-Amerikanern geboren wurde, sondern als Deutscher. Na ja, es hätte noch besser kommen können, aber im Grunde ging es meiner Existenz bisher doch recht gut. Bisher.

Nordrhein-Westfalen, das ist dieses Bundesland, das ich als meine Heimat definiere, weil ich hier geboren wurde, aufgewachsen bin und vielleicht auch sterben werde, hat mir heute einen ganz üblen Dolchstoß in den Rücken verpasst. Oder besser gesagt, nicht das Land selbst, sondern die von der Bevölkerung im Jahr 2005 gewählte Landesregierung aus CDU und FDP, allen voran unser Innenminister Ingo Wolf.

Eben jene Fraktionen haben nämlich heute die Änderung des Verfassungsschutzgesetzes verabschiedet. Gegen die Stimmen der Opposition, möchte man eigentlich ergänzen, aber erstens interessiert das beim Inkrafttreten des Gesetzes keine Sau, und zweitens könnten die Rollen der Partien beliebig vertauscht werden, und doch wäre das Ergebnis meist identisch oder zumindest ähnlich. Vergessen wir also die Opposition, aber warum müssen in der letzten Dekade Innenminister eigentlich grundsätzlich verbohrte, merkbefreite, arrogante Arschlöcher sein – egal, ob nun auf Bundes- oder Landesebene?

Was besagt denn nun dieses Gesetz, dass ich mich hier schon wieder so darüber aufregen muss? Den staatlichen Organen wird damit unter anderem das Recht eingeräumt, ohne Durchsuchungsbeschluss oder ähnlichen überflüssigen und polizeistaatlich hinderlichen Schnick-Schnack private Computer über das Internet auszuspähen. Das nenne ich den wahren Terror, und er nimmt in bedrohlicher Weise zu.

Denn das heißt also, dass jetzt – in diesem Moment – da ihr dies hier lesen könnt, theoretisch ein „Verfassungsschützer“ oder sonst irgendein staatliches Organ ganz legal auf eurer Festplatte nach verfassungsfeindlichem Material stöbern darf.

„Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.“ Na klar. Kommt mir jetzt bloß noch mit so einem Mist. Auch wenn ich nichts Verfassungsfeindliches, Illegales oder Ordnungswidriges im Schilde führe, hat trotzdem noch keine Person oder kein Organ dieses Staates das Recht, meine in Excel geführte Haushaltsabrechnung, in Word geschriebenen Bewerbungsschreiben oder in Basic programmierten Algorithmen abzurufen und in Augenschein zu nehmen. Denn wer garantiert mir denn, dass ich trotz lupenreiner weißen Weste nicht doch mal ins Fadenkreuz irgendwelcher übereifrigen Ermittler gerate?

Die Privatwohnung ist bisher die letzte Rückzugsmöglichkeit gewesen. Überwachungsfreier Raum. Mit dem Zugang ins Internet ist in Zukunft selbst das nicht mehr gegeben.

Wozu eigentlich das Ganze? Man will offiziell Informationen über Anschlagspläne erhalten. Bruahahahaha! Dass ich nicht lache! Ich kann euch spontan zwei Fälle nennen, die das ganze wie eine Farce wirken lassen. Zum einen wären da die berühmt-berüchtigten Koffer-Bomber, die – ziemlich dilettantisch noch dazu – ein paar Gasflaschen in Regionalzügen deponiert haben, die aber zum Glück nicht hoch gegangen sind. Es gab gestochen scharfe Überwachungsvideos, aber gab es auch im Nachhinein gefundene Hinweise im Internet, die, wenn man sie gefunden hätte, dazu beigetragen hätten, die Anschläge zu vereiteln? Oh, man hat im Browser-Cache der Attentäter Aufrufe von Webseiten gefunden, auf denen Anleitungen zum Bombenbau abgerufen werden können? Dann könnte es dich mit dem neuen Gesetz auch bald ins Visier der Ermittler rücken, wenn du mal – absichtlich oder unabsichtlich – auf eine Internet-Seite gerätst, die derartige Inhalte hat.

Anderes Beispiel: Unser unsäglicher Amokläufer Sebastian B. aus Emsdetten. Der hat tatsächlich alle nötigen Informationen bereit gestellt. Sogar öffentlich! Ein Zugriff auf private Festplatten wäre gar nicht nötig gewesen. Hat irgend jemand sich genötigt gefühlt, da mal warnend oder hindernd einzugreifen? Wie sich im Nachhinein herausgestellt hat, gab es immerhin genug Leute, die Kenntnis von den entsprechenden Seiten und deren Inhalten besaßen. Ist das – gottseidank ohne Tote verlaufende – Massaker aufgrund der eindeutigen Ankündigungen verhindert worden? Ihr kennt die Antwort. Im Gegenteil waren ausnahmslos alle überrascht und fielen aus allen Wolken. (Und wie orientierungs- und ahnungslose Beutetiere stochern sie wie wild im Nebel nach irgendwelchen Gründen und erwischen dabei „ganz nebenbei“ die Killerspiele, wie praktisch! Aber das ist ein anderes Thema.)

Nun, meine Festplatte gehört mir. Da kommt keiner drauf, der da nicht drauf soll. Denn abgesehen von unseren lieben Herren Politikern weiß ich, wie ich fremde Zugriffe auf mein lokales Rechnersystem zu Hause unterbinden kann. Zugegeben, das einzige, was mir einen Strich durch die Rechnung machen könnte, wäre eine Backdoor, eine Hintertür in dem Betriebssystem, das ich (noch) bevorzugt einsetze, die dort schon eingebaut ist oder evtl. aufgrund diverser Gesetze noch eingebaut werden wird. Auch E-Mails von staatlichen Stellen (und sei es nur vom Finanzamt oder der noch mit Bundesbeamten stark belasteten Telekom) müssen dann demnächst mit entsprechendem Argwohn behandelt werden, könnte sich doch ein Bespitzelungs-Tool in Form eines Trojaners oder ähnlichem darin verbergen.

Und sollte ich gesetzlich dazu gezwungen werden, eine bestimmte Software zu installieren, gut, dann installier ich die halt – auf einem Zweitrechner, in einer virtuellen Maschine oder kurz bevor ich eh das komplette System neu aufsetzen will.

Auswandern, das wäre auch eine Alternative, aber das würde mir wirklich schwer fallen. Denn eigentlich liebe ich mein Land.

Update: Die Mülheimer Bürgerrechtlerin Bettina Winsemann (alias Twister) hat Verfassungsbeschwerde gegen das heute beschlossene Gesetz angekündigt. Jede Unterstützung ist willkommen.

Dienstag, 19. Dezember 2006

Polizei, Feuer, Frust

Dezember 2006. Man schlendert gemütlich mit Kind und Kegel über den Weihnachtsmarkt. Kind quengelt, will was Süßes, Papa kauft einen kandierten Apfel und will bezahlen. Er greift in seine Tasche und – oh Schreck! Die Brieftasche ist nicht da! Verloren oder wahrscheinlich sogar gestohlen.

Nachdem der erste Schock sich gelegt hat, geht das Nachgrübeln los, was denn jetzt alles für wichtige Dinge – vom schnöden Bargeld mal abgesehen – da drin waren. Da wäre zunächst mal die EC-Karte der Hausbank, ein oder zwei Kreditkarten. Dann ist da noch die Kundenkarte zum Rabattpunkte-Sammeln. Vielleicht gibt’s mittlerweile sogar Handys, die so flach sind, dass sie in eine Brieftasche passen – so eins wäre dann auch weg. Naja, und so weiter. Die meisten Menschen schleppen in ihrer Brief- oder Handtasche praktisch ihre gesamte Identität mit sich herum. Kommt so ein Ding dann mal abhanden, geht der Ärger erstmal richtig los. Jede Karte, die möglicherweise zur Inanspruchnahme geldlicher Dienste berechtigt, muss für die weitere Benutzung gesperrt werden, von der Wiederbeschaffung mal abgesehen.

Vor knapp drei Jahren sind ein paar intelligente Menschen auf eine tolle Idee gekommen. Das heißt, vielleicht hatten sie die Idee sogar schon viel früher, aber wirklich öffentlich ins Gespräch gekommen ist sie erst 2004. Es sollte eine zentrale bundesweit gültige Telefonnummer geben, die man in genau diesem Notfall anrufen können soll. Man gibt dort an, welche wichtigen Karten einem abhanden gekommen sind, und dort wird dann eine zentrale Sperrung aller entsprechenden Karten vorgenommen.

Und wie das so ist bei Notfällen, sollte eine entsprechende Nummer auch eine Notrufnummer sein. Analog zu 110 für die Polizei oder 112 für Feuerwehr bzw. Rettungsdienst wäre z.B. die 116 für Kartensperrung in sinnvolle Frage gekommen. Eine Notrufnummer für Notfälle. Praktisch.

Seit gestern geistert ein neuer Vorstoß durch die Presse. Angeblich auf Veranlassung unserer Bundeskanzlerin soll es demnächst (damit ist der Zeitraum der nächsten zwei bis drei Jahre gemeint) eine neue Notrufnummer geben. Eins-Eins-Fünf. Ganz einfach zu merken. Dort kann dann jeder rund um die Uhr anrufen, dem seine Brieftasche gestohlen… äh… Moment mal…

Ach ne. Das ist ja was anderes. Die 115 ist vorgesehen für frustrierte Nachbarn, genervte Autofahrer, verärgerte Passanten, angeekelte Benutzer öffentlicher Toiletten und kinderhassende Rentner in der Nachbarschaft. New York hat sowas auch schon. Na toll, sag ich da nur. Was für ein Vorbild.

„Behörden-Notruf“ nennt sich das ganze dann. Ziel sei es, jedem Anrufer das Blättern im Behörden-Telefonbuch zu ersparen und in Sekunden mit einem Mitarbeiter zu verbinden, der alle nötigen Auskünfte bereit hält.

Na, dann brauche ich ja nur noch zu warten, bis die Nummer endlich geschaltet ist, und dann kann ich sofort dort anrufen und mich über diesen Humbug beschweren. Manche Stadt bietet bereits besondern Bürgerservice im Rahmen von Bürgertelefonen oder gar Bürgerbüros an. Dortmund und Mülheim (Ruhr) werden z.B. schon heute im Dunstkreis dieser Thematik in meiner Tageszeitung genannt. Selbst meine Stadt bietet einen ähnlichen Service. Zugegeben, nur während der Geschäftszeiten, also keineswegs rund um die Uhr. Aber über den Nachbarshund, der immer in unsere Einfahrt kackt, kann ich mich auch tagsüber beschweren, das muss ich nichts nachts um halb Vier machen, wenn ich vor lauter Behörden-Alpträumen mal wieder aus dem Bett gefallen bin.

Für diesen Schwachsinn ist eine dreistellige und somit besonders bevorzugte bundeseinheitliche Rufnummer problemlos schaltbar? Für eine Sache, die in meinen Augen mit wirklichen Notfällen nun wirklich nichts am Hut hat. Oder was fallen euch für Notfälle ein, die in diese Kategorie fielen? Der Nachbar feiert zu lang und ausgiebig, und das regelmäßig mehrmals die Woche? Das ist wohl eher ein Fall für die Polizei wegen nächtlicher Ruhestörung. Ach, man muss irgendwo melden können, wenn man denkt, das Lokal, in dem man zuletzt gegessen hat, verarbeite Gammelfleisch? Was ist dann so schwer daran, die Rufnummer des örtlichen Ordnungsamtes heraus zu suchen? Einen wirklichen Notfall kann ich hier aber nicht erkennen. Ich sehe keinen Fall, für den man eine schnell zu erinnernde und schnell zu wählende einheitliche Nummer braucht. Was immer nicht in den Machtbereich der Polizei fällt, sondern eher mit dem Ordnungsamt der Stadt oder des Landkreises zu tun hat, hat auch ein paar Minuten länger Zeit, mitgeteilt zu werden. Oder nicht?

Damit komme ich nun auf den Papa auf dem Weihnachtsmarkt zurück, der immer noch verzweifelt versucht, sich daran zu erinnern, welche Nummer er denn nun noch mal anrufen musste, um seine Kreditkarte sperren zu lassen. („Die fing mit 069 an, so viel weiß ich noch…“) Denn als es vor gut zwei Jahren darum ging, für einen derartigen Karten-Sperr-Service eine bundeseinheitliche Notrufnummer festzulegen, da war man nicht in der Lage, eine mit Eins-Eins beginnende dreistellige Nummer dafür freizugeben.

116 war für einen derartigen Service vorgesehen. Aus irgendwelchen fadenscheinigen, vorgeschobenen Gründen wurde nichts daraus. Die Regulierungsbehörde hat stattdessen die Nummer „116 116“ dafür freigegeben. Und an diese Nummer erinnerte ich mich, zugegebenermaßen, auch erst wieder, als ich vorhin den verlinkten Artikel auf heise.de für diesen Beitrag herausgesucht und die Nummer darin gelesen habe.

Tja, dann kann der Papa von dem Weihnachtsmarkt ja demnächst den Behörden-Notruf wählen und dort seinen Frust darüber ablassen, dass jemand innerhalb kürzester Zeit sein Konto leer geräumt hat, weil er erst eine halbe Stunde später von zu Hause aus die entsprechenden Kartensperrungen vornehmen lassen konnte. Aber da war die Kreditkarte schon längst bis zum Limit leer gefegt.

Update: Wie ich gerade im Nachhinein gelesen habe, war die Nummer 115 sogar schon einmal als einheitliche Notfallnummer in Benutzung. Und zwar handelte es sich dabei um eine Rufnummer für den Notarzt – in der ehemaligen DDR. Umso ungeschickter, diese Nummer jetzt für diesen Behörden-Frust-Schwachsinn wieder zu beleben.

Sonntag, 17. Dezember 2006

Meine erste Auszeichnung

Ihr haltet es nicht für möglich. Da habe ich es nach 37 Jahren erbärmlicher Existenz auf diesem Planeten doch tatsächlich geschafft, den Titel „Person des Jahres“ verliehen zu bekommen. Und das nicht einfach von irgendeinem Hanswurst, der irgendwo in Oberammergau bei Tante Resi im Keller zur Untermiete wohnt. Nein, das berühmte New Yorker „Time Magazine“ hat mir diesen Titel verliehen.

Hmm, da muss ich mir wohl noch eine schöne Dankesrede einfallen lassen. Mal sehen. Also, ich danke meiner Mama und meinem Papa, dass sie mich in diese Welt gesetzt und (fast) immer gut behütet haben. Ich danke meiner Oma für ihre Nudel-Milch-Suppe, die ich bis heute nicht nachgebaut bekommen habe. Ich danke meiner anderen Oma für die vielen tollen Stunden beim Weihnachtsplätzchen-Backen. Ich danke meinem Opa für die Märklin-Digital-Grundausstattung, die ich mangels passender Loks nie in Betrieb genommen habe und die jetzt noch im Keller verrottet. Ich danke meinem anderen Opa für die vielen Wege zur Bude „umme Ecke“. („Hier, 2 Mark, hol mal ne Schachtel HB.“) Vor allem aber danke ich meiner lieben Frau und meinen drei Kindern, die mich so manches Mal von meinem PC und somit vom Internet wegzerren mussten, dem ich ja diesen ach so tollen Preis verdanke. Vielen Dank!

Naja, ich muss es ja zugeben: Ich bin wohl nicht der einzige, obwohl das „YOU“, das da groß auf der Titelseite und auf der „Time“-Webseite prangt, irgendwie so gar nicht nach Plural aussehen will. Aber vielleicht bilde ich mir das ja auch nur ein. Ist halt blöd, wenn in einer Sprache so ein Pronomen im Singular wie im Plural heißt.

Na gut, dann sind da wohl noch ein paar weitere Knilche, die ebenfalls diesen Preis gewonnen haben. Ist er deshalb weniger wert? Immerhin habe ich ja trotzdem seit über zehn Jahren aktiv an der Gestaltung des Internet mitgewirkt. (Schließlich soll das ja der Grund für den Preis „Person of the Year“ sein.) Ja, okay, ich habe erst vor drei Monaten mit meinem Blog angefangen, da waren andere viel viel früher dran und haben auch schon eine viel größere Leserschaft, da purzeln die Kommentare nur so in die Beiträge rein, während bei mir – bis auf eine Ausnahme – bisher Ebbe ist. Wird vielleicht noch. Jetzt, da ich doch Preisträger bin!

Aber, wenn ich mir das recht überlege… Ich glaube, ich lehne den Preis doch lieber ab. Warum? Hey, alle Menschen, die innerhalb der letzten 12 Monate im Internet waren und irgendwas damit zu schaffen haben, haben neben mir diesen Preis ebenfalls verliehen bekommen. Also auch die einschlägig bekannten Anwälte, die hierzulande Hinz und Kunz mit Abmahnwellen überrollen. Also auch die Politiker, die auch noch Dinge für und über das Internet erfinden oder in Gesetze pressen wollen, von denen sie nicht den blassesten Schimmer haben. Also auch die Pappnasen, die sich einen feuchten Kehricht um Medienkompetenz und Sicherheit im Netz scheren, und deren Rechner mittlerweile unwissentlich Mitglied in mindestens 17 Botnetzen sind, die tagtäglich dazu genutzt werden, uns „Preisträger“ mit Penisverlängerungs-, Viagrabeschaffungs-, Geldgewinnungs- und Hohlbirnenvergrößerungs-Mails zu bombardieren. (Ich hab grad mal nachgesehen: Ich hatte heute den Tag über 621 Spam-Mails in meinem Postfach, und seit ich mit dem Schreiben dieses Beitrag begonnen habe, sind 22 weitere dazu gekommen, 43 davon sind leider wieder durch meinen Spam-Filter gerutscht.)

Ich soll also mit diesen Torfnasen zusammen einen Preis verliehen bekommen? Nein danke. Dann verzichte ich lieber.

Freitag, 15. Dezember 2006

Schneller, schneller!

Als leidgeprüfter Autofahrer kennt man das: Baustellen, wohin das Auge sieht. Auf mancher Autobahn reiht sich eine Baustelle direkt an die nächste. Mit der Zeit wird man da leidensfähiger, stumpft ab: Na gut, ist da halt schon wieder eine Baustelle, irgendwie müssen die Straßen ja instand gehalten werden. In diesen jeden Autofahrer irgendwann erfassenden Prozess zunehmender Gleichgültigkeit gegenüber Autobahn-Baustellen platzte heute Morgen auf meiner Fahrt zur Arbeit eine unscheinbare Kurzmeldung in den Regionalnachrichten des WDR (die ich hier komplett von deren Webseite zitiere, weil die spätestens morgen nicht mehr dort abrufbar sein wird – ich kenn das ja mittlerweile):

Einige Großbaustellen auf Autobahnen an Rhein und Ruhr werden früher fertig als geplant. So werden nach Angaben von Landesverkehrsminister Oliver Wittke die Baumaßnahmen auf der A 57 zwischen Meerbusch und Bovert bereits am 22. Dezember beendet, sechs Monate früher als vorgesehen.
Auch die Sanierung der Rheinbrücke auf der A 40 bei Duisburg wurde ein halbes Jahr früher abgeschlossen. Als Grund nannte Wittke ein neues System, nach dem Baufirmen mehr Geld bekommen, wenn sie früher mit den Arbeiten fertig sind.

Ich darf also rekapitulieren: Der Minister winkt mit einer Bonuszahlung bei schnellerer Arbeit, und prompt wird die Planzeit um sechs Monate (das ist ein volles halbes Jahr!) unterschritten? Und das zudem reproduzierbar*?

Da frage ich mich doch ganz spontan, wieso diese Bauzeiten nicht auch ohne fette Bonuszahlung eingehalten werden können? Ach, da fehlt der Anreiz, wie? Darum machen die Arbeiter immer schon um fünf vor vier Feierabend und lassen die Schüppe fallen? Und nur, wenn der Chef ein paar mehr Euro in Aussicht gestellt bekommt, wenn es schneller geht, haut er ihnen auf die Finger und sorgt dafür, dass sie an einem Tag auch wirklich das schaffen, was man an einem Tag schaffen kann?

Schön, dass dieses Experiment unseres Landesverkehrsministers mit den Bonuszahlungen endlich beweist, dass es auch anders gehen kann. Schade, dass es scheinbar keinen Mechanismus gibt, schneller abgeschlossene Baustellen auch ohne „Schmiergeld“ erzwingen zu können.

Ich jedenfalls weiß jetzt, dass die ganzen Schimpftiraden leidgeplagter Autofahrer, die wegen zahlreicher nicht enden wollender Dauerbaustellen tagtäglich im Stau stehen, doch eine gewisse Daseinsberechtigung haben, und werde mich wohl in Zukunft wieder häufiger hinter meinem Lenkrad aufführen wie ein Rohrspatz.

*) „Reproduzierbar“ ist eine vor allem unter Software-Entwicklern gebräuchliche Redewendung, die besagt, dass etwas wiederholt nachgewiesen werden kann – z.B. eine unter bestimmten Bedingungen auftretende Fehlermeldung.
Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: